Buch 
Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
Entstehung
JPEG-Download
 

8

hyperkatalektischen Quinars vorsichtig (d. h. nicht zu oft nacheinander)gebrauchen, weil fönst die beiden letzten Silben als trochäisch empfun-den werden, was den Rhythmus verrücken müßte, namentlich wennnoch dazu innerhalb des Verses die Cäsuren überwiegen sollten.

9. Die syntaktische Cäsur kann nach jeder Silbe eintreten. Siesteht nach der ersten, wenn der Blankvers mit einem Ausruf oder miteinem einsilbigen, komparativisch oder fragend gebrauchten Wörtchen be-ginnt, und dann ist sie von großem Wert, z. B.:

Geh! I hol ihn! Wie aus einer guten That.

Bst! ! Hast, bst! -c.

Ah! 1 ah! Nun schlägt ic.

Was? 1 Eine Thräne fiel herab rc.

(Lessing, Nathan.)

10. Die sogenannte proven^alische Cäsur am Ende des 2. Taktes,welche die Troubadours pflegten, verhindert, daß man bei trochäischeuSatztakten an trochäischen Rhythmus glaubt. Eine untergeordneteCäsur kann in die Mitte der Zeile (am liebsten nach der 5. Silbe) zustehen kommen.

Schiller bediente sich der Diärese am Schluß des zweiten Taktessehr häufig. Lessing wich ab. Dies machte freilich manchen Vers mehroder weniger unmusikalisch.

11. Setzt man die syntaktische Cäsur in den letzten Takt, so läuftman Gefahr, daß die letzte Silbe gleich einer Thesis zur ersten Silbedes nächsten Verses genommen, oder die Kürze des 1. Taktes der fol-genden Verszeile auf diese Weise zur Länge erhoben wird, wodurchmindestens eine Verwischung der Jncision eintritt, z. B.:

Betrachtet dieses Bild noch einmal. § Sagt

Noch einmal nein ihr werdet es nicht sagen.

(Oehlensebläger.)

12. Was die Satztakte betrifft, so ist es durchaus kein Fehler,wenn einzelne derselben zwei oder mehrere Verstakte umklammern. In:Gegenteil tragen lange Verstatte nicht selten zum freundlichen Accent-wechsel bei und verleihen dem Satzaccent eine bestimmte Höhe, z. B.:

Ich herze dich ^ mit tausendfacher Glut. (Goethe, Faust.)

(Das ditrochäische sdoppeltrochüischej Worttausendfacher" dienthier zur Verbindung von drei jambischen Takten. Bei Platen findensich Wortkolosie, die nicht selten vier und fünf Takte verbinden, z. B.im Trimeter jss. 4j:

Der nebenbuhlerischen Ungroßmütigkeit.

s Platen, Mathilde von Balois.)