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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Wo der Rubinen strahlende Pracht ! Wo die Perle glänzt am Korallenstrand?Und der Demant funkelt im dunkeln ! O Mutter, ist dort das bess're Land?

Schacht? Da nicht, da nicht, mein Kind!

Wo die Perlen schimmern an rosigemStrand,

Jst's dort, o Mutter, das bessere Land?

Dort nicht, dort nicht, mein Kind!" >

Mein Sohn, kein Auge noch sah es zuvor,Seiner Lieder Jauchzen vernahm kein Ohr,Nicht Träume malen die Welt voll Licht,Und Sarg' und Tod, dort weilen sie nicht,Seine Blumen streifet die Zeit nicht abDenn jenseit der Wolken und jenseit demGrab

Tort ist's, dort ist's, mein Kind!

Kein Auge sah es, mein Sohn! kein OhrVernahm seiner Stimmen jauchzendenChor.

Seine Pracht kein Träumender sah imSchlummer

Solch Leuchten! fern bleiben ihm Todund Kummer;

Nie zerstört die Zeit seinen Glanz, seinenDuft;

Jenseits der Wolken, jenseits der Gruftj Da ist's, da ist's, mein Kind!

M. 1. Auch bei der vorstehenden Aufgabe ist zunächst wörtlich zu über-setzen, bevor die metrische Übertragung versucht wird. Den Schluß bildet dieVergleichung der 1. Übersetzung mit der zweiten von Frei! ig rath. DieseVerglcichung wird die Übersetzungsfehler des Anfängers, wie die Vorzüge derbeiden Übertragungen (namentlich der Freiligrathschen) ersehen lasten; sie wirdinstruktiver wirken als eine ins Detail eingehende Belehrung.

2. Ähnlich sind die weiteren Übersetzungsstoffe zu behandeln, auf welche

wir unter Ziffer 2 S. 249 verweisen konnten.

tz 87. Wersetzungsversuch aus Lern Ttcüiem scheu.

Vorbemerkungen.

1. In keiner Sprache wird es leichter, gute Verse in jedem Versmaßund über jeden beliebigen Gegenstand zu schreiben, als in der italienischen.Sie steht in dieser Richtung allen übrigen Sprachen voran. Ihre Sangbar-keit und ihr Überfluß an Mitteln befähigt sie, all das leichthin zu sagen, wasDichter in anderen Sprachen nur nach langem Studium und Nachdenken rechtmühsam zu bilden vermögen, weshalb Italien von jeher die berühmtesten Im-provisatoren besaß.

2. Es ist daher gerade bei Übersetzungen aus der italienischen Sprachehöchster Wohllaut, Gefälligkeit, Sangbarkeit, Melodie, Modulation des Tons,Weichheit und Anschmiegen des Ausdrucks zu erstreben.

Z. Der Lernende möge das im Bd. I, 531 st. Gesagte beachten.

4. Ferner möge er nach der im ß 40 dieses Bandes gegebenen Praxisverfahren.

Aufgabe. Das nachstehende berühmteste, bei seiner Entstehungwahrhaft vergötterte, Sonett von Tasso auf Lucrezia, Herzoginvon Urbino, ist zu übertragen.