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denn jedes ist wie du", wird er jetzt deutlicher, indem er für „jedes Kind"„jede Schöne" einfügt und als Grund des Haffes die Treulosigkeit nennt.
Zu bemerken ist, daß der späteren Fassung die witzige Antithese derersten abgeht.
tz 96. III. Die Feile in Überarbeitung fremder Schöpfungen.
Es kommt nicht selten vor, daß spätere Dichter die Gebilde frühererDichter überarbeiten und sich zu eigen machen. Dem Anfänger ist davon ab-zuraten; nur ein anerkannter Meister mag sich dies erlauben. Um aber zuzeigen, auf welche Weise dies geschehen kann, bringen wir unter Verweisungauf Rückerts Parabel (vgl. Poetik II, S. 169), auf Goethe's Heideröslein,auf die Königskinder (Poetik II, S. 86) noch eine instruktive Überarbeitung
zum Abdruck.
Aus: „Abschied von der unge-treuen Liebsten."
Von I. Ehr. Günther (ch 1723).Wie gedacht,
Vor geliebt, jetzt ausgelacht:
Gestern in den Schoß gerissen.
Heute von der Brust geschmissen.Morgen in die Gruft gebracht.
Bin ich arm,
Dieses macht mir wenig Harm:
Tugend steckt nicht in dem Beutel,
Gold und Schmuck macht nur den Scheitel,Aber nicht die Liebe warm.
Und wie bald
Mißt die Schönheit die Gestalt?
Rühmst du gleich von deiner Farbe,Daß sie ihresgleichen darbe,
Ach die Rosen werden alt.
(M. Das ganze Gedicht hat 9Strophen.)
Reiters Morgengesang.
Von W. Hauff (f 1827).Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod?Bald wird die Trompete blasen,Dann muß ich mein Leben lassen,Ich und mancher Kamerad!
Kaum gedacht.
War der Lust ein End gemacht.Gestern noch auf stolzen Rossen,Heute durch die Brust geschossen,Morgen in das kühle Grab!
Ach, wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt!Thust du stolz mit deinen Wangen,Die wie Milch und Purpur prangen?Ach, die Rosen welken all!
Darum still,
Füg ich mich, wie Gott es will.Nun so will ich wacker streiten,Und sollt' ich den Tod erleiden.Stirbt ein braver Reitersmann.