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die Betonung bei unseren eigenen Schöpfungen mehr als seither in's Auge zufassen. Dadurch kommen- wir zu jenem feinen Gefühl und zu jener feinerenRhythmik, die aus Worten wie „Holzklotzpflock" nimmermehr Musik zu höreuvermag. Schon ist ohne Abstraktion der Gesetze durch die Schöpfungen unsererklassischen Dichter das Ohr, d. h. der ästhetische Geschmack so weit gebildet,daß auch kleinere Geister manches Gute schaffen, ohne sich der Gesetze bewußtzu sein. Die Sprache mit ihren schönen Tonlichtern tönt und leuchtet auchihrem durch gute Muster gebildetem Gefühle. Auch unsere Volksdichter habenvon jeher — bewußt oder unbewußt — den Accent beachtet, ohne von feinerTonwägung mehr gewußt zu haben, als griechische Volksdichter von der eigent-lichen feinen Quantität wußten. Sie haben aber freilich keinerlei Beitrag fürbeabsichtigte Pflege der accentuierenden Metrik liefern können. Und wenn beiGoethe, Schiller, Rückert, Uhland, Heine, Freiligrath, Geibeh, Gottschall,Hamerling, Scheffel rc. (aus deren Werken wir mühsam genug teilweise dieRegeln unserer accentuierenden Metrik abstrahieren konnten) arge Verstöße vor-kommen, so bleiben dieselben doch vereinzelt, während das Produkt des selbsttalentvollen, unterrichteten, dilettantischen Versbildners die Betonungssehler injeder Strophe ersehen läßt. Erst bei genauerem wissenschaftlichem Studium derBetonungsgesetze wird unsere Poesie mit der Zeit eine klassische Höhe erreichen,die uns — vielleicht teilweise — sogar auf den Reim verzichten lassen wird.
8 72. Grundgesetz unserer gegenwärtigen Prosodik.
1. Die deutsche Betonung ist gesetzmäßig berechtigt.
2. Grundgesetz für unsere Betonung ist: Der Accent ruht stetsauf dem Stamm des Wortes.
3. Für richtige Erkenntnis dieses Gesetzes ist Kenntnis des Stammsund der sog. Accessorien nötig.
1. Die deutsche Betonung, der bis zum heutigen Tage in unserer Lit-teratur theoretisch viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde, ist weder zufällig,noch willkürlich. Sie ist einer strengen Methode der Behandlung fähig, was dienachstehenden Paragraphen beweisen werden. Sie ermöglicht es dem Forscher,Gesetze (Accentgesetze) auf Grundlage sinnlicher Anschauung und Wahrnehmungdurch Induktion und aus einem Prinzip durch Deduktion zu gewinnen. Liefernwir hier den Beweis im weitesten Umriß! Die begrifflich bedeutsamste Silbe,von welcher der Accent angezogen wird, ist die Stammsilbe. Alle deutschenWörter lassen sich auf einen einsilbigen Stamm zurückführen,der das Betonungsgewicht hat. So hat sich unsere Sprache, so unsereBetonung gebildet. Von diesem Gesichtspunkt müssen wirbeim Aufbau unserer Prosodik ausgehen.
2. Grundregel für die deutsche Betonung ist somit: Der Accent ruhtaus dem Wortstamm, aus der Wurzel. Da unsere Sprache trochäischenRhythmus hat, indem die meisten Wörter mit der Wurzel beginnen (z. B. -