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namentlich wenn der Reim fehlt. Wo der Reim vorhanden ist, — wie inSchillers Handschuh —, repräsentiert derselbe ein mächtiges Formclement. Erbestimmt dem Hörer die Länge der Zeilen, die wahllos bald aus Jamben,bald aus Trochäen, Daktylen und Anapästen bestehen, ohne nach tonmetrischenGesetzen symmetrisch angeordnet zu sein.
Aus vielen freien Accentversen Heines (z. B. Die Nacht am Strande,Seegespenst, Morgengruß, Frieden, Nordseebilder rc.) ersieht man, wie derDichter durch je ein paar Zeilen nach Belieben eine gleiche Anzahl von Arseneingehalten hat, wie er aber sodann nach jeder rhythmischen Pause sofort eineneue Anzahl von Arsen beliebte. Es fehlt eben jeder metrische Maßstab.Ähnlich ist es bei den bedeutendsten freien Accentversen unserer klassischenDichter Goethe und Schiller, die übrigens von Rückert in den Makamen(vgl. Z 186), was Freiheit, Beweglichkeit und gewandt sprachlichen Ausdruckbetrifft, weit übertreffen werden.
Als Beispiele der freien Accentverse sind außer den erwähnten nochanzuführen:
1. Goethes Ganymed, Prometheus, Gesang der Geister über den Wassern,'Das Göttliche, Wanderers Nachtlied („Über allen Wipfeln ist Ruh"), Harzreiseim Winter, Pilgers Morgenlied, Mahomets Gesang, Grenzen'der Menschheit rc.
2. Schillers Laura am Klavier, Melancholie an Laura, Der Handschuh,Das verschleierte Bild rc. (Die ersten drei Beispiele sind gereimt, das letztehat reimlose Verse.)
3. Victor v. Scheffels Bergpsalmen.
4. Otto Bancks Sonnensegen, Die Kunst rc.
5. Friedrich Halms Italien rc.
6. Hamerling: Vor einer Genziane.
7. Friedrich Rückert: Das Licht, und Die Makamen.
Auch von Ada Christen (Haltlos), Emil Claar (Mondnacht) undanderen Dichtern, besonders aber von Gust. Kastropp (dessen nach Weise derMakame gedichteter Heinr. v. Ofterdingen) besitzen wir beachtenswerte freieAccentverse.
Beispiele:
Sei gegrüßt mir, See! Ich fühle mit dir,
Wie die Flut jungfräulich sich sträubend erbebt,
Daß ein fremder Mann
Sie dienstbar sich macht aus beherrschendem Kahn.
Noch sind wir Menschen dir seltene Gäste,
Noch kennt uns kaum deiner Wälder GewildUnd weil es uns nicht kennt,
Scheut es uns nicht.
Brütend sitzt in des Felsufers SpaltDie Taucherente,
Bleibt unbeirrt sitzen und flattert nicht auf,
Kaum dreht sie den dummen beschopften KopfVornehm nach dem Schiffer.