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Der Südländer, dem die Fristung der Existenz weniger Sorge verursachteals dem Bewohner der nordischen Gegenden, und der viel längere Zeit dieSchönheit der licht- und sarbenstrahlenden Natur bewundern konnte, — er-würbe schon frühe zur Musik, zur Melodie und ihrer rhythmischen Äußerunghingedrängt, daher auch zur Erfindung der musikalischen Instrumente! Pan-flöte, Schalmei, Horn, Orgel, Violine, sowie der rhythmischen Trommel rc.Die Natur erzeugte Musik, Gesang, Poesie, und es ist aus diesem Grundeerklärlich, warum die Völker an den gesegneten Küsten des Mittelmeeres inder Pflege der freien Künste die erste Stelle einnahmen, warum die rhythmischePoesie an Wohlklang, Zartheit und Vollendung namentlich in Griechenlandzunahm, wo Schulen entstanden, welche die rhythmische Kunst fort entwickelten,ebenso bei den nachbildenden Lateinern, welche die Bildungsclemente der Griechenin sich aufnahmen.
Arm an Schönheit, arm an melodievollen, wenn auch nicht an weichen,füßen Wörtern und Klängen schufen sich die nordischen Sprachen im Gleichklangeine Art Ersatz für den wellenförmigen Rhvthmus der Sprache südlicher Völker,dessen ihre nur praktischen Zwecken dienende Mitteilungsweise gar nicht fähigwar. Der Nordländer, der wenig Sinn für den Rhythmus hatte, klammertesich an oen betonenden Gleichklang des Ansangskonsonauten; — und eigentümlich,charakteristisch deutsch mögen seine allitterierenden Schlachtgesänge erbraust sein.Erst später bildeten sich die verschiedenen Arten des Gleichklangs aus, waswir weiter unten zeigen werden.
2. Der schmückende und die Betonung unterstützende Reim wurde allmählichvon den bedeutsamsten Folgen für die gesamte Art und Weise deutsch-poetischerDarstellung; er wurde ein Eharakteristikum für die ganze deutschePoesie. Bei den Alten stand jeder Vers selbständig für sich oder konnte wenigstensso stehen. Ein kleinstes Gedicht konnte allenfalls (möglicherweise) — aufeinen Hexameter beschränkt — durch eine einzige Zeile repräsentiert werden.Bei uns fordert jeder Vers mindestens einen zweiten, tun den Reim oder dieAllitteration und die Assonanz zu vollenden. Das kürzeste Gedicht kaun beiuns nur zweizeilig sein, weshalb — eben infolge dieses zweigliedrigenKlangverhältnisses oder Klang-Echos — der Parallelismus der Gedanken inunserer neueren Poesie, namentlich der Spruchpoesie, weit mehr vorhanden ist,als in der griechisch-antiken.
3. Durch eine mehr als tausendjährige Anwendung ist der Reim bei unsein elementares, geradezu unentbehrliches Besitztum unserer poetischen Sprachegeworden. Will sich dieselbe, die doch durch eigene Kraft von der Antike undvon der Anlehnung an andere Völker und Sprachen sich losgerungen hat, immermehr dem Ideale einer deutsch-nationalen poetischen Sprache zuwenden,so muß sie auch den deuticheu Reim weiter pflegen. Denn der Umstand, daßeinzelne Dichter bald in den Konsonanten, bald in den Vokalen den Reimverdarben, spricht gegen diese Dichter, nicht aber gegen den Reim.