Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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1. Das lateinische Wort Humor bedeutet jede Feuchtigkeit, jedes Naß, essei Wasser, Milch, Wein oder Thränen. Humores hießen sodann im lateinischenMittelalter die verschiedenen Maß- und Mischungsverhältnisse (xjiüoex, tenaxsrrr-meutum) von Feuchtigkeiten und von Wärme im menschlichen Organismusund die daraus beruhenden Charakterunterschiede der menschlichen Temperamente.

Bei uns bezeichnet das Wort Humor (vgl. Bd. I S. 105) eine diesatirische Laune überragende, erheiternde Stimmung, welche in gutmeinenderWeise die menschlichen Fehler als Schwachheiten und Fehltritte, nicht aber alsVerbrechen betrachtet, sie daher wohlwollend, mitunter herzlich anteilnehmend innaiver Weise von ihrer komischen, lächerlichen Seite nimmt, über sie scherztund sie gewissermaßen epikureisch-stoisch belächelt.

Nicht selten wird Humor mit Laune verwechselt. Die Engländer ge-brauchen das Wort humour noch heute unserem Worte Laune entsprechend;in unserem Sinne wenden sie es nur an, wenn sie ihren Dichtern Shakespeare,Swift, Sterne u. a. Humor zuschreiben.

Der Humor steht höher, als die Laune. Er ist als Widerspruch zwischenEinbildung und Gemüt aufzufassen, insofern das Gemüt in Gegensatz zu denvon der Einbildung aus der Wirklichkeit entlehnten, ihr nachgebildeten An-schauungen tritt; in solchen Konflikt und Kontrast mit der Einbildung stellt sichdas Gemüt aber, wenn die Anschauungen nicht die entsprechenden Beziehungennach Oben haben und nicht die gleiche edle Erhebung des Gefühls teilen. „Dannschwingt sich das Geniüt — um mit Wackernagel zu sprechen — empor undschaut hinab auf das gebrechliche, beschränkte Wesen da unten, halb voll Zorns,halb voll Mitleidens lächelnd, aber unter Thränen; tragisch, aber es führtzugleich die Versöhnung mit sich: es schwebt gleichsam wie die Taube überder Sündflut, Trost und Heil von oben verkündigend, während der gemütloseSpott eher dem ungetreu entweichenden Raben gleicht. Demnach ist dem Humordie Beziehung auf religiöse Dinge durchaus nicht fremd, ja, bei den bestenHumoristen trägt er durchweg eine bald mehr bald minder hervorstechendereligiöse Farbe: so bei Claudius, bei Hippel, bei Hamann, bei Jean Paul,bei Hebel; aus Hebels Gespräch auf der Straße nach Basel, die Vergäng-lichkeit, kann man beinahe eine ganz erschöpfende und vollkommen umfassendeTheorie des Humors entwickeln: hier läßt sich die Entzweiung des Gemütesmit der Wirklichkeit von Stufe zu Stufe fortschreitend verfolgen bis zu derletzten und höchsten, wo vom Himmel selbst hinunter die seligen Geister aufdie arme vergangene Erde schauen und auf ihr das Dörflein suchen, in welchemsie, da sie auch noch Menschen waren, ihr Leben hindurch 'gvätterlet' haben."

Der Humor als Feind des Abstrakten bewahrt vor Verzweiflung, dienur da Platz greift, wo der Mensch den Humor verloren hat.

Das Tragische des Humors geht aus dem Schmerzgefühl hervor, daßwir selbst mitten in der Unvollkommenheit leben, in die Schranken des Irdischengebannt sind, selbst an den Krankheiten der Zeit leiden.

Das Komische des Humors aber entspringt aus dem Gefühle , daß wirzugleich auch über diesen Schranken stehen. Beide Gefühle wechseln und durch-