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§ 104. Beschreibendes Gedicht.
Gedichte, bei welchen der Dichter bloß die Eigenschaften, Merk-male, Zustände seines der Natur entlehnten Gegenstandes angiebt, ohneseine eigenen Empfindungen mitzuteilen, bei denen ferner die poetischeBeschreibung meist zur erzählenden Schilderung wird, bei welchen end-lich das sinnende Verweilen der Elegie ausgeschlossen ist, nennt manbeschreibende Gedichte.
Sobald die poetische Beschreibung aufhört zu erzählen, weist sie die Ein-bildungskraft von sich, welche allein im stände ist, die Einzelheiten der Be-schreibung, denen ja der organische Zusammenhang fehlt, durch die historischeEntfaltung zu verbinden. Bloße Aufzählung des in sinnlicher Erscheinung Ent-gegentretenden, Reimereien, die dem Abgerissenen nicht den Eindruck der au-genblicklichen Stimmung zu verleihen vermögen, fallen somit aus dem Gebieteder Poesie heraus, selbst wenn glänzende Rhetorik das Ohr besticht. Beim gutenbeschreibenden Gedicht muß Erzählung und Gefühls-Ausdruck vereinigt sein.
Um poetisch zu sein, muß vor allem der Gegenstand des Gedichts vonso interessanter Beschaffenheit, von solcher Schönheit, Großartigkeit oder Selten-heit sein, daß eine bloße Angabe der Merkmale schon hinreichen würde, denLeser poetisch anzuregen (z. B. bei Naturerscheinungen, die durch Großartigkeit,Schönheit, Seltenheit einen tiefen Eindruck machen). Der Gegenstand des be-schreibenden Gedichts kann ebenso aus dem Reiche der sichtbaren, wie aus demder unsichtbaren Welt des Geistes und Gemütes entnommen sein; er kann er-funden sein. Sodann sind Anschaulichkeit und Idealität zwei Hauptforderungenan ein beschreibendes Gedicht. Unschönes, Störendes aus der prosaischen Wirk-lichkeit ist wegzulassen, das Schöne, sofern es keinen Widerspruch hervorruft,ist hinzuzusetzen. Das beschreibende Gedicht läßt oft Episoden zu, um dieästhetische Kraft des Ganzen zu fördern. Ohne diese Episoden ermüdet es undwird zur Malerei mit Worten. Daher fließen wie von selbst Betrachtungen undlyrische Ausbrüche der Empfindungen ein.
Häufig kommen poetische Beschreibungen als Teile größerer Gedichte vor.Torquato Tasso beschreibt z. B. im befreiten Jerusalem eine Dürre, unterder das Kreuzheer zu leiden hat. Homer beschreibt den Schild des Achill inder Jlias. Die unter den didaktischen Gedichten erwähnten „Jahreszeiten" (tlls8 SL 80 N 8 , vom Engländer James Thomson -s 1748), — von Schneittheiner,L. Schubart u. a. deutsch übersetzt — wurden die Veranlassung zu den be-schreibenden Nachdichtungen „Irdisches Vergnügen in Gott" von Brockes; Kleist-„Frühling"; Zachariäs „Die Tageszeiten" und zu Haydns gleichnamigemOratorium.
Muster von beschreibenden Gedichten lieferte Schiller. Wir erinnern nuran Laura am Klavier. Der Dichter hat hier eine Phantasie Lauras, die sieihm vorspielte, durch berechneten Rhythmuswechsel darzustellen gewußt. DieEinleitung von V. 15 — 22 ist gewissermaßen ein LllvAro Urillants, welches