Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Hintergrund und Schein, und es hat somit mit der Nationalgeschichte gar nichtszu thun. Seine Personen und seine Orte tragen meist gar keinen Namen,oder einen phantastischen, unwahrscheinlichen, nicht glaubwürdigen, oder endlicheinen internationalen, an dem alle Nationen gleiches Anrecht haben. Es be-ruht heutzutage auf der vollständigen Erdichtung des Stoffes.

5. Die Sage verdankt unter allen Umständen — auch wenndie Phantasie Anteil an ihrer der Geschichte entstammenden Stoss-bildung hat —- ihre Entstehung dem Gedächtnisse, während das Märchenseinen Ursprung aus der Phantasie niemals verleugnet. Deshalb glaubtniemand das Märchen, während man die Sage ganz oder einem Teile nachsür wahr halten möchte.

Bezüglich des Wesens der Sage und des Märchens sagt die Vorrede zuden deutschen Sagen der Gebr. Grimm (S. V): „Es wird dem Menschenvon Heimatswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wenn er in's Lebenauszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet; wernicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn erdie Grenze des Vaterlands überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohl-thätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Ge-schichten, welche nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit alseinen frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat seineneigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes bestehtbeinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte und Vollendung;die Sage, von einer geringeren Mannigfaltigkeit der Farbe, hat noch das Be-sondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem haftet, an einem Ortoder eineni durch die Geschichte gesicherten Namen. Aus dieser ihrer Gebunden-heit folgt, daß sie nicht, gleich dem Märchen, überall zu Hause sein könne,sondern irgend eine Bedingung voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da,bald nur unvollkommen vorhanden sein würde. Kaum ein Flecken wird sichin Deutschland finden, wo es nicht ausführliche Märchen zu hören gäbe, manche,an denen die Volkssagen bloß dünn und sparsam gesät zn sein pflegen. . . .Die Märchen sind also teils durch ihre äußere Verbreitung, teils durch ihrinneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen Welt-betrachtung zu fasten, sie nähren unmittelbar, wie die Milch, mild und lieblich,oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische Schwere; dahingegen dieSagen schon zu einer stärkeren Speise dienen, eine einfachere, aber desto ent-schiedenere Farbe tragen und mehr Ernst und Nachdenken fordern. Über denVorzug beider zu streiten wäre ungeschickt; auch soll durch diese Darlegungihrer Verschiedenheit weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnetwerden, daß sie in unendlichen Mischungen und Wendungen ineinander greifenund sich mehr oder weniger ähnlich werden."

«. Der Geschichte stellen sich Märchen und Sage gegenüber,insofern sie das Sinnlich-Natürliche und Begreifliche stets mit demUnbegreiflichen mischen, welches jene, wie sie unserer Bildung angemessenscheint, auch in der Darstellung nicht mehr verträgt.