Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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ä. Auch vom Mythus unterscheidet sich das Märchen. Es hatnichts mit den Göttern zu thun, es liebt vielmehr kleinere Figuren: Feen,Nixen, Zwerge, Hexen, die übrigens dem Willen der Gottheit unterworfen sind.

Wackernagel (akad. Vorlesungen S. 55) hat das Verhältnis zwischenMythus und Märchen nachgewiesen und gezeigt, wie im Märchen die Über-reste des erloschenen Götterglaubens und der alten Göttersage fortbestehen.Das 14. Märchen der Bruder Grimm von den drei Spinnerinnen zeigt z. B.,wie die altgermanischen Parzen (die Normen der skandinavischen Poesie, d. i.die das Schicksal der Menschen spinnenden Schicksalsgöttinnen) verwertet sind.— Das Märchen vom Dornröschen, das Uhland im Märchen von der deut-schen Poesie nachgebildet hat, ist ein Nachklang der Erzählung in der Edda,daß Odin die Schlachtengöttin Brunhild mit einem schlaf anzaubernden Dorngestochen und die Entschlafene mit einem nur dem Sigurd (Siegfried) durch-dringlichen Flammenwall umgeben habe, welche Sage bekanntlich R. Wagnerin seinem Siegsried benutzt hat. „Die 2 Bruder" (Nr. 60 bei Grimm) lehnensich an die alten Mythen von Siegfried in ihren Erzählungen vom bösenSchmied, vom Golddrachen, vom Drachenberg, Drachenkampf und Befreiungeiner Jungfrau ll. s. w.

Wegen ihres Ursprungs aus dem Mythus blieben die Märchen ein mitdem Volke eng verwachsenes Gemeingut jeder Nation.

5. Durch die Kreuzzüge wurden Märchen auch in die nordischen Ländereingebürgert, allwo durch Verschmelzung von Elfen und ähnlichen Wesen (Dryaden,Najaden, Oreaden) das Feenmärchen entstand, von dem Herder sagt: „KeineDichtung vermag dem menschlichen Herzen so artige Dinge zu sagen, als einFeenmärchen. In ihm ist die ganze Welt und ihre innere Werkstätte, das Menschen-herz, als eine Zauberwelt ganz unser."

Knüpft das Märchen sich an bestimmte Gegenden und Orte, so heißt esVolksmärchen. Enthält es eine moralische Lehre im leichten, faßlichen,romantischen Gewände, so heißt es Kinder- oder Ammenmärchen. Sonstkennt man noch das Hausmärchen, das merkwürdiger Weise den Griechentrotz vieler märchenhafter Züge ihrer Mythologie ganz fehlte. („Die Kindlich-keit," sagt Welcker in seiner griechischen Götterlehre I. 110, „welche das Wesendes deutschen, slavischen, persischen Märchens ausmacht, war dem hellenischenGeist fremd.")

6. Die größte Bedeutung unter allen Formen des Märchens beanspruchtmit Recht das Kindermärchen, da es ein Bildungsmitlel geworden ist. DieVolksmärchen haben auf das reine Gemüt und die ungetrübte Phantasie derjugendlichen Seele manchmal einen ebenso nachteiligen Einfluß, als leichtfertigeRomane auf die erwachsene Jugend, da sie nicht selten das Sinnliche oft aufunsittliche Weise mit einem duftenden, aber verschleierten Zauber verdecken.Man hat daher bei der Wahl der Märchen vorsichtig zu sein, und für Kindernur solche zu nehmen, welche mit reinem Herzen und poetischem Sinn gebildetsind und in denen harmloser Humor mit herzerwärmender Innigkeit, Gemüt-lichkeit mit sittlichem Wesen sich vereint.

»eher, Deutsche Poetik. II.

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