Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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„Deine Federn von Gold', die kleiden mich nicht, die ich für dich sollte tragen,In der Welt ein wildfremdes Vögelein, wovon kein Mensch weiß zu sagen."

„Bist du ein wildfremdes Bögelein und unbekannt allen Leuten,

Dich zwingt wohl Hunger, Frost und Schnee, der fällt auf den Weg, den breiten."

„Mich zwingt nicht Hunger, mich zwingt nicht Schnee, der fällt auf den Weg,

den breiten.

Mich zwingt weit mehr geheime Pein, die machte mir Angst und Leiden.

Wohl zwischen Bergen und tiefem Thal', da rinnen die brausenden Wasser,

Und welcher einen Treuliebsten hat, kann ihn aus dem Herzen nicht lassen.

Ich hatt' einen Liebsten kühn und fromm, einen Ritter von herrischen Gaben,Meine Stiefmutter warf es geschwinde um, sie wollte die Liebe nicht haben.

Sie schuf mich zu einer Nachtigall, hieß mich in der Welt umfliegen,

Meinen Bruder zu einem Wolfe so grimm, mußte sich zu den Wölfen fügen.

Gleich lief er in den Wald, sie sprach: „In Wolfsgcstalt soll er gehen,

Bis daß er getrunken mein Herzensblut." Sieben Jahre drauf ist es geschehen.Einen Tag sie ging so wonniglich im Rosenhain' spazieren,

Mein Bruder sah es und z»rniglich ihr leise nach thät spüren.

Er griff sie an ihrem linken Fuß' mit reißigcm Wolfesmunde,

Riß aus ihr Herz und trank ihr Blut und ward gesund zur Stunde.

Noch bin ich ein kleines Vögelein, das fliegt in wilden Heiden,

So jammervoll muß ich leben meine Zeit, doch meist in Winterzeiten.

Doch Preis dem, der mir geholfen hat, daß ich die Zunge kann rühren,

Da ich nicht gesprochen in fünfzehn Jahr', wie mit euch ich Rede kann führen.Aber gesungen hab' ich immerdar mit lieblichen Nachtigallkehlen,

Und in dem allergrünsten Hain' thät ich meinen Zweig mir wählen."

„Und horch, du kleine Nachtigall, was dich wohl kann vergnügen,

Kannst sitzen im Winter im Hause mein, im Sommer wieder ausfliegen."

„Hab' Dank, schöner Ritter, der Frommheit dein, ich darf es doch nicht wagen.Denn das verbot die Stiefmutter mein, so lang' ich Federn muß tragen."

Die Nachtigall in Gedanken stand: ich thu' nicht des Ritters Willen;

Da griff er sie bei den Füßen klein, das Schicksal sollt' er erfüllen.

Er ging mit ihr wohl in sein Haus, verschloß die Fenster und Thüren,

Sie ward zu manchem Wunderthier', wie man soll hören und spüren.

Erst wandelt' sie sich in Bären und Leu'n, ist dann zur Schlange worden,Zuletzt zu einem Lindwurm' groß, der wollte den Ritter morden.

Er schnitt sie mit einem Messerlein, daß Blut heraus thät' fließen,

Stracks stand, wie eine Blume klar, eine Jungfrau ihm zu Füßen.

„Nun hab' ich erlöst dich von deiner Not und von deinen heimlichen Leiden,So sage mir denn deine Abkunft gut von Vaters und Mutters Seiten."„Agyptenland's König mein Vater war, sein Gemahl meine Mutter in Ehren,Meinen Bruder verschuf man zu einem Wolf', durch die wilden Wälder zu stören."

„Ist Ägypten's König lieb Vater dein, sein Gemahl deine Mutter in Ehren,Fürwahr, bist Schwestertochter mir, die sonst sich als Nachtigall ließ hören."

Da ward große Freud' in dem ganzen Hof', ja rings in dem ganzen Lande,

Daß der Ritter gefangen die Nachtigall, die gewohnt in der Linde so lange.