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Doch wünschen wir nicht etwa bloß Moralisches, Moralisierendes. AllesKindliche, alles Keusche, was vom reinen Hauch evler Poeste durchweht ist,paßt auch für das reine Kinderherz. Das gut gebildete Kindermärchen zeichnetsich durch Einfalt und Naivetät des kindlichen Zinnes aus; sein feiner Takt,fein gesundes, sittliches Gefühl, seine ungeschminkte Natürlichkeit fesseln, wiedas naive Volkslied. Als Beispiele desselben erwähne ich unter anderen RückertsKindermärchen, die bei kindlichem Inhalt und schöner Form nie den CharakterdeS Erdichteten verlieren, dabei aber auch nie das moralische Prinzip außeracht lassen. Sie sind nicht läppisch und kindisch, sondern kindlich. Die beab-sichtigte Moral sieht das Kind nicht, sondern ahnt und fühlt sie unbewußt;sie folgt, wie die Belohnung auf eine gute That. Außerdem sind es das dra-matische Element der Behandlung, die Gesprächsform und der, ich möchte sagen,naive Rhythmus der Rückertschen Märchen, welche von vornherein das Interessedes Kindes erwecken und auch die Moral dem kindlichen Gedächtnis auf'»tiefste einprägen.
7. Das Märchen kann die stoffliche Grundlage anderer Dichtungsformen sein,z. B. der Novelle. (Man vgl. Chamissos Peter Schlemihl, oder Tiecks Der blondeEckbert und der getreue Eckart.) Zu dramatischer Form hat es sich öftersaufgeschwungen, z. B. Rotkäppchen, der gestiefelte Kater und Blaubart, vonTieck. Das beste in dieser Richtung ist wohl die Bearbeitung der FouquöschenUndine zur Oper, welche die Idee trägt, daß Liebe die Natur beseelt, daßdem bloß lebensfrohen, natürlichen Menschen erst die Liebe die Tiefen seinesGemütes öffnet rc.
Tritt das Märchen als selbständige Dichtungsart auf, so kann es, wiez. B. Rückerts Kindermärchen (Ges. Ausg. III. 3 ff.), L. Wieses Kinder-märchen, O. v. Redwitz' Märchen vom Waldbächlein und Tannenbaum, Cha-missos Abdallah, K. Stelters Märchen u. a. in metrischer Form, oder wieGrimms Kinder- und Hausmärchen u. a. auch in ungebundener Rede ver-faßt sein.
Dadurch, daß eine bestimmte Idee untergelegt ist, wird das MärchenKunstpoesie.
Beispiele des Märchens.
Der Wolf und die Nachtigall, von E. M. Arndt.
(Schwedisches Volksmärchen.)
Ich weiß es wohl, wo steht ein Schloß, das ist geschmückt so feineMit Silber und mit rotem Gold', gebaut von Marmelsteine.
Und in dem Schloß' eine Linde stand, mit Blättern, lustig und schöne,
Drin wohnte eine Nachtigall fein, die schlug gar liebliche Töne.
Es kam ein Ritter geritten daher, süß klang es vom Nachtigallmunde,
Worüber er höchlich wunderte sich — es war um die Mitternachtstunde.
„Ach höre, du kleine Nachtigall, woll'st mir ein Liedlein singen,
Deine Federn lass' ich beschlagen mit Gold', deinen Hals mit Perlen beringen."