Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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kett, Anekdote. Boccaccio (im Decamerone) verlieh der Novelle kunst-vollere Ausbildung.

4. Goethe faßte die Novelle wie Boccaccio auf. Die freie Formder Gegenwart verlieh ihr aber erst Tieck. Eine kleine Novelle heißtNovellette. (Beispiele der Novellette lieferte Rosenthal-Bonin imHeiratsdamm, sowie Wickede u. a.)

1. In der Theorie wie in der Praxis unterscheidet man zwischen Novelleund Erzählung folgendermaßen: Eine ruhig vorwärts schreitende Geschichte, welchedie Begebenheiten der Reihe nach vom Anfang an vorführt und auf künstlerischeTüchtigkeit hinsichtlich der Erfindung und Ausführung verzichtet, heißt in der Regelnur Erzählung. Zur Novelle wird die Erzählung, wenn sie einen mehr dramatischbewegten Ausdruck annimmt und bei den wichtigeren Momenten und Situationenverharrt, wenn sie ferner ihrem Helden u priori Bedeutung verleiht und durchdessen Schicksal volles Interesse erzeugt, wenn sie endlich nach der Hauptsachesofort abschließt, das Minderbedeutende der Ergänzung des Lesers überlassend. —

Um ein Beispiel anzugeben, so läßt die Erzählung den Helden vom Vater-hause weggehen, begleitet ihn nach Hause und schildert in ungekünstelter Weisenoch das erlebte, häusliche Glück; die Novelle dagegen beginnt außen, greiftzurück in kunstvollen Jntermezzo's und bricht nach der Heimkehr des Helden ab,nachdem sie seine Zukunft hat ahnen lassen. (Vgl. den Schluß der NovelleHeyses S. 396 d. Bds.)

2. Während der Roman die Einheit in einer Reihe von Handlungenbietet, ist die Novelle eine einzelne Geschichte in möglichst einfacher durchsichtigerWeise. Sie verhält sich zum Roman, mit dem sie die Einteilung gemein hat,wie die poetische Erzählung zum Epos, wie der Kreisausschnitt zum Kreis.Während der Roman das gesamte Leben und somit alle Verhältnisse und Beziehungendes Helden umfaßt, hat die Novelle, die sich mit einem Lebensabschnitt begnügt,nur ein specielles, ein individuelles Interesse; während ferner der Roman denCharakter sich erst entwickeln läßt, genügt der Novelle ein bereits fertigerCharakter, den sie in eine Situation versetzt, in welcher er sich bewähren soll.Es ist daher die Novelle, als Episode aus dem Leben des Helden, in derRegel kürzer, als der Roman, obwohl die Kürze kein notwendiges Erfordernisder Novelle ist. Gar mancher ostensibel angezeigte Roman ist nur eine Novelle.Goethes Wahlverwandtschaften stehen zwischen Novelle und Roman.(In romanhafter Breite ist hier die Geschichte der unglücklichen Liebe beiderPaare behandelt; aber die Beschränkung auf ein Liebesverhältnis engt diesenRoman fast zur Novelle ein.) Steffens' Roman Die Familie Walsethund Leith (1827) und Die vier N orweger sind zusammengefügte Novellen.Steffens hat ihnen den Namen Novellencyklus gegeben. Der berühmte Nor-weger hat das Verhältnis der Novelle zum Roman ähnlich genommen, wie dasder epischen Rhapsodie zur Epopöe aufzufassen ist.

Im Roman muß sich alles aus den gegebenen Verhältnissen entwickelnund gewissermaßen als Folie einer höheren Weltordnung erscheinen, in derNovelle darf auch der Zufall walten.