Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Im allgemeinen muß man zugeben, daß der Roman, im Gegensatz zurNovelle, eine bestimmte Richtung aus die Sitte und das Historische nimmt, wasbei der Novelle durchaus nicht nötig ist. Der Roman mit seinen vielen Personenrepräsentiert die Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit und wird dadurch lokal,ja national — historisch. In diesem Sinne könnte man sagen, daß jederRoman national, historisch sei, wenn nicht für die Mitwelt, so doch für die Zu-kunft. (Wilhelm Meister und Der Titan sind für uns bereits eben solchegeschichtliche Denkmale geworden, wie der Simplicissimus.) Die Novelle stelltihre Figur und deren Geschick von der Gesellschaft abgesondert dar und bezwecktnur allgemein menschliches Interesse, wobei allerdings zuzugeben ist, daß eineVereinigung von Novellen dem Ganzen ein historisches Gepräge zu verleihenim Stande ist.

3. Man bezeichnete ursprünglich jede eng begrenzte Erzählung oder Geschichtein Prosa als Novelle. So enthält z. B. die älteste, italienische Novellensammlungaus dem 13. Jahrhundert (die Osnto Novelle unliebe) viele Novellen, die wireben historische Anekdoten nennen würden. Erst durch den Decamerone desBoccaccio (f 1375), der keine einzige seiner an die Sage oder Geschichte sichanlehnenden hundert Novellen erfunden hat, erhielt die italienische Novelle kunst-mäßigere Form und Ausbildung. Durch ihn wurde sie eine interessante,lebhaftere Erzählung, wie eine solche den Anforderungen der Ge-bildeten entspricht.

4. Goethe war der erste Dichter, der die Novelle in diesem Sinne auf-faßte (in Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, diesen kleinen humoristischsprudelnden Novellen im geistreichen Konversationston). Er nennt als sein Vor-bild den Decamerone, während der gelehrte Julian Schmidt meint, Diderotsllasgnss 1s katalists habe größeren Einfluß auf ihn geübt.

In neuester Zeit hat die Novelle die größte Verbreitung in Zeitschriftengefunden. Tieck war es, welcher der Novelle eine unserer Zeit entsprechendefreiere Form verlieh, indem er sich ihrer bediente, um interessante, wichtigeFragen und Ideen klarzulegen. Er gab ihr auf diese Weise das Raisonne-ment des philosophischen Romans, wodurch sie natürlicherweise auch anAusdehnung gewinnen mußte.

Die gute Novelle, welche mit der flachen, banalen Feuilletonnovelle gewisserVielschreiber nichts gemein hat, bietet nunmehr durch die Aussprüche ihrerPersonen ein Bild der Zeit, und vermittelt auch die Resultate ausden Gebieten der Wissenschaft, der Moral und der Kunst rc.

Die Novelle in Versen Pflegte besonders auch Paul Hevse. (Vgl. Ges.Novellen in Versen 1863. 1870 ic.)

tz 146. Anforderungen an die Novelle, wie an den Novellisten.

1. Die Novelle verlangt einen fesselnden Grundgedanken, rascheHandlung, anziehende Gestalten, leichte, geistreiche, quellsprudelndeDarstellung, versöhnenden Schluß.