Band 
[Zweiter und dritter Band.]
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Zeit, doch wurde das Wort des Dichters geheiligt durch die Zuthat JohannSebastian Bachs, der selbst das, was kein Wort sagt, dem religiösen Herzen,von dem allein es gefühlt und erraten werden kann, in Tönen der tiefenKunst darlegt.

Das Orchester besteht aus zwei Chören der auf beiden Seiten verteiltstehenden Sioniten und Gläubigen, zwischen welchen der bekannte, das Ge- G

heimnis der Erlösung entfaltende Choral: O Lamm Gottes unschuldig! her-vortönt. Die Sioniten, versammelt, das Leiden ihres Gerechten zu begleiten,fordern die gläubigen Genossen auf, ein Gleiches zu thun. Dieser Eröffnungder heiligen Handlung folgt nun die Relation von Wort zu Wort (nach demEvangelisten Matthäus): die im Evangelio benannten Personen, durch beideChöre unterbrochen, treten indessen selbstredend auf. Als Masse erscheint derVolkschor (tardn), das alte Gesetz. Diesem unduldsam eifernden, kalten, rohenHausen gegenüber stehen friedlich, teilnehmend und liebend die Jünger mitihrem kleinen Anhange, die erst gegen Ende des ersten Teils lebhaft werden,da alles verloren ist. Sie bleiben getreu bis zuletzt und begleiten, den Siegihres Glaubens erhoffend, ihren Herrn zum Grabe.

Die Bedeutung der Bachschen Matthäus-Passion reicht weit über dasrein musikalische Gebiet hinaus. Wir erkennen in ihr eine gewaltige kultur-geschichtliche That, mit welcher der durch die Reformation verjüngte Geniusdes Volkes in einer der traurigsten Perioden unserer staatlichen Entwickelung,allem äußeren Druck und Elend der Zeit zum Trotz, Zeugnis von der un- *

erschöpflichen Kraft und Fülle seines Wesens ablegt. Individuellste Inner-lichkeit, quellender Gemütsreichtum, tiefsinniger Ernst, prunklose Strenge undSchlichtheit der Erscheinung, kurz, was wir als Inbegriff unserer teuersten,idealen Habe betrachten, hat hier allgemein gültigen, künstlerischen Ausdruckgefunden. Von sämtlichen Meistern kirchlicher Kunst hat allein Seb. Bach esvermocht, die Doppelnatur des Gottmenschen zu vollem musikalischen Leben zuverkörpern. Was seine Töne wiederspiegeln, ist weder die der Berührung mitdem Endlichen entrückte Erhabenheit, noch die Schwäche und Gebrechlichkeit(taubgeborener Herzen, sondern die leibhaftige Christusgestalt, die alles Wehder Erde in sich hineingenommen und durchgelitten, und welche dabei dochstets als ungetrübter Heiligenschein der Abglanz der himmlischen Heimat umfließt.

Über Bach ist bis in die Neuzeit in der Passion kein Komponist hinaus-gekommen.

ß 200. Die Messe. 4

1. Unter Messe (lat. missa, ital. ru68sa) versteht man ebenso denHauptteil des katholischen Gottesdienstes, als die Musik und denGesang dafür.

Besteht die Musik bloß aus Kirchenliedern oder Chorälen mit oderohne Orgel, so nennt man sie Choralmesse; besteht der Gesang auspolyphon ausgeführten Musikstücken für Chor mit oder ohne Orgel,