Band 
[Zweiter und dritter Band.]
Seite
86
JPEG-Download
 

86

Stein- und Holz-Reden.

Stoff.

1. Auf der Lüneburger Heide ^steht ein alter Stein, § daneben einealte, j wohl tausendjährige Eiche. ^ 2. Esziehen im Frühling 1 fröhliche Gesellenvorbei; § sie singen von deutscher Frei-heit, § aber ihr Sang verhallt in derEbene. H 3. Da spricht der Stein zurEiche, j wie wenn er vom Traum er-wachte: j „Ging nicht die Freiheitvorüber? Erwache, deutscher Baum!" H

4. Da fuhr ein Brausen j durch dieKrone des Baumes, j und seine altenÄste 1 trieben tausend Knospen. ^

5. Die Sänger zogen weit fort durchdie Heide; j die Eiche hat ihnen vonoben § traurig nachgeschaut, j 6. Danndehnte sie sich in der Wurzel, ^ umden Sängern nachzusehen. ^ Des LiedesNachhall klang > durch ihr Blätter -dach. H 7. Im Herbste § hörte sie denletzten Hall verklingen, ! dann schütteltesie sich zornig, j daß das letzte Laubvon den Ästen fiel. 8. Und zumalten Steine sprach sie: j „Ich willnun wieder schlafen, j Du, wunderlicherTräumer, I sollst mich nicht mehrstören." ^ ^

Lösung. Von Gottfried Keller.

Auf Lüneburger HeideDa steht der alte Stein,

Daneben die alte Eiche,

Sie mag wohl tausendjährig sein.

Es ziehn vorbei GesellenIm Lenz mit frischem Sang;

Sie singen von deutscher Freiheit,

Auf weitem Plan verhallt der Klang.

Da spricht der Stein zur Eiche,

Als wacht' er auf vom Traum:„Ging nicht vorbei die Freiheit?Wach' auf, wach' auf, du deutscherBaum!"

Und durch des Baumes KroneDa fährt ein Saus und Braus,

Die moosigen Äste schlagenIn tausend jungen Augen aus!

Die Sänger sind gezogenFernhin durchs Heidekraut:

Die Eich' hat ihnen von obenGar lang und traurig nachgeschaut.

Sie hub sich aus der WurzelDen fernen Sängern nach:

Es klang des Liedes NachhallWohl durch ihr hohes Blätterdach.

Den letzten Hall verklingenHat sie im Herbst gehört:

Da hat sie, schüttelnd, die ÄsteVom letzten Laub im Zorn geleert.

„Nun will ich wieder schlafen,"Spricht sie zum alten Stein;

„Du wunderlicher Träumer,

Sollst mir nun einmal stille sein!"