Vorwort.
8ängst ist der Nimbus dahin, der in den Augenfrüherer Geschlechter das deutsche Theater umschwebte.Zwei Menschenalter hindurch, vom Hubertusburger Friedenbis zum Erscheinen Napoleons in Deutschland, und wiedervon der Schlacht bei Waterlov bis zum Jahre des erstendeutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche, hatdas Theater bei uns in dem Mittelpunkt des Lebens ge-standen. Es war die einzige öffentliche Einrichtung, ander Alle theilnehmen konnten, die einzige, gegen die eineKritik gestattet war. Von der Bühne aus sollte die Bil-dung und Erziehung der Menschen geschehen; von hieraus sollten große und freie Gedanken in die Menge, siezu begeistern und zu erheben, geworfen werden. Unwill-kürlich stellt sich das Theater als ein gleich berechtigtesDrittes neben Kirche und Schule. In diesem Reich desschönen Scheins, inmitten all' dieser holden Wunder, dieniemals waren und doch immer sind, giebt es zugleicheine wirkliche Kanzel, eine wirkliche Rednertribüne, vonder man die Zuhörer belehren, bekehren, entflammen undbessern will. Was aus dem Theater geschieht, gewinnteine allgemeine Bedeutung; ein gutes Theater zu besitzenwird der Ruhm einer Stadt. In alle Lebensverhältnissegreift es ein; trotz der kleinbürgerlichen, ängstlich be-schränkten Anschauungen, welche das Handeln und Treiben,
Frenzel, Dramaturgie. I. 1