57
Dennoch hat der Erfolg ihr Recht gegeben; aus ihrer undGottsched's Schule ist Lessing hervorgegangen. Sein spätererWiderwille gegen die französische Tragödie, seine Bewun-derung Shakspeare's haben ihn selbst doch nie verleitet,die enggezogenen Grenzen des klassischen Drama's zu über-schreiten. „Minna von Barnhelm", „Emilia Gälvtti"und „Nathan der Weise" sind die regelmäßigsten Stückeder deutschen Schaubühne.
Mosenthal's „deutsche Komödianten" haben darum einenschweren Stand, sie verfechten eine todte Sache. Für dieStegreifkomödie, für das wüste geniale Treiben umherziehen-der Schauspieler, liederlicher Studenten und Mädchen, dieaus dem Hause ihrer Eltern entflohen sind, kann man nurschwer Theilnahme gewinnen — und diese Theilnahme wirdmehr aus dem Mitleid mit dem unglücklichen Lvose der Armen,als aus tragischer Ergriffenheit entspringen. Freilich imWandern liegt Poesie; vielleicht hat im letzten Grunde dasLeben, das wir leben, nur diese einzige poetische Seite: um-herzuschweifen und all' seine Sache auf nichts zu stellen. Sobetrachtet ist eine wandernde Schauspielertruppe von jeherein Lieblingsgegenstand für die Dichter gewesen, für Scarronwie für Goethe, Tieck und Holtei. Aber eins bleibe demZuhörer verborgen: das Ende, das Zerflattern der letztenIllusion. Wenn der Held hinter einem Zann, auf demStein am Wege, in einer elenden Marktbude stirbt, istunser Humor dahin und die Jämmerlichkeit des Daseinsschaut uns, ohne Verklärung, bitterlich weinend an. Erstirbt — und wir fragen mitleidig und verstimmt zugleich:wofür? Dieser weniger tragische als betrübsame Aus-gang Ludovici's, des Haupthelden der „deutschen Komö-dianten", schwächt den Eindruck des neuen Drama's. Ein