»6
ein wüster Haufen Unrath, von Dornen und Gestrüppüberwuchert, täglich sich vergrößert, indem ihm von allenSeiten neuer Stoff zugetragen wird. Der Magister Belthenund seine „weltberühmte" Bande versuchten, im Ausgangdes Jahrhunderts, eine Wendung zum Besseren, sie lehntensich an französische und spanische Muster an; Corneille'K„Polyeucte" und Calderon's „Prinz Sigismund" („dasLeben ein Traum") erschienen, freilich mit grausigen Zu-sätzen und mit dem unvermeidlichen Pickelhäring ausge-stattet, auf ihrer Bühne. Grobe Kost bedarf ein derberMagen. Nach Velthen's Tode aber arteten die Kunstund die Künstler in eine unbeschreibliche, tolle und kläg-liche Zügellosigkeit aus.
Diesen Zustand des deutschen Theaters schildert dasDrama Mosenthal's: „Die deutschen Komödianten." Keinwunderlicheres Ding unter dem Monde als die deutscheKömödie! Der Gegensatz, in dem sich Mosenthal's Werkbewegt, zwischen der Stegreifkomödie, der sogenanntenHaupt- und Staatsaction, und den französischen Lust-spielen, welche die Neuberin und Gottsched in Leipzigfür die gebildete Gesellschaft ausführen ließen, lebt er nichtnoch heute? Die Grundzüge des deutschen Charakters,die Treuherzigkeit, den derben Humor und den Sinn fürdas Phantastische, bewahrte die Staatsaction, trotz ihrerLächerlichkeiten, ihrer Roheit und ihres Wortschwulstes,treuer als das geschniegelte, pomadisirte Lustspiel der Fran-zosen. Den deutschen Hanswurst verbrannte die Neuberin,ohne zu ahnen, daß sie in Moliore's Marquis oder inden beiden Gelehrten seiner »Gelehrten Frauen" nichtsBesseres, sondern eben nur ausländische Schalksnarrenhatte, die bei uns nur ein Scheinleben führen konnten.