Band 
[Erster Band]
JPEG-Download
 

109

Ausgang der Tarquinier, epischer Natur, theils eine neueTragödie mit anderen Motiven, von anderer Art als dieerste. Die Geschichte der Lucretia ist durch die Leiden-schaft der Handelnden, die Verbannung des Collatinusund die Hinrichtung der Söhne des Brutus durch dieStaatsraison bedingt; die erste fesselt und bewegt, dieandere erkältet und stößt ab. Der Dichter hat eben nichtsgethan, uns seinen Helden Brutus menschlich näher zubringen. Ist er, wie der alte. Lucretins meint, etwas wieein Gott, so ist er uns erst recht gleichgültig, wir sindkeine Götter. Die Handlungsweise des Brutus ist nachunserer Anschauung barbarisch, groß nicht im Menschlichen,sondern im Unmenschlichen. Auch entspringt sie nicht, wieder Dichter meint, aus der Rücksicht für das allgemeineWohl, sondern beruht ausschließlich in dem grausamen Haus-recht des römischen Vaters über den Sohn. Und hiermitberühre ich einen schwachen Punkt in der ganzen Dichtung.

Warum verweise ich, so viel an mir liegt, den mo-dernen Dichter gern auf moderne Stoffe? Lindner wirdes uns sagen: weil der moderne Mensch eben nicht antikeStoffe rein behandeln kann. Unsers Dichters Lucretialiest, ehe sie zu Bette geht, „die Mär von Jphigenien";die Römer.sprechen von „Homer's Versen"; Sextus wirdangeredet „Prinz Sextus" (und dabei lachen wir über dasMadame und Seigneur der französischen Tragödie!); dieVornehmen begegnen einander mit dem höflichen „Ihr";Rom ist immer das „heilige, ewige Rom" — ja, so er-schien es Livius zur Zeit des Augustus und allen Schul-meistern nach ihm, aber schwerlich dem ersten Consul.Neben dem „Zeus" und der „Eumenide", die doch gewißkeine römischen Nationalgottheiten sind, wird „der Rächer-