Band 
[Erster Band]
JPEG-Download
 

114

Dichters. Das Ganze ist abenteuerlich, frei auf historischemHintergründe erfunden. Die französische Literatur kennteinen Pierre Gringoire oder Gringore, der am Fastnachts-dienstag des Jahres 1513 mit der Erlaubniß Lndwig's XII.drei der boshaftesten und beleidigendsten Possenspiele gegenden Papst Julius II., mit dem der allerchristlichste König imKriege lag, vor dem guten Volk von Paris aufführte: eine derdenkwürdigsten Vorstellungen des mittelalterlichen Theaters.Banville's Gringoire erinnert indessen nicht sowohl andiesen Possendichter, als an Fran^ois Villon, den großenVolksliederdichter unter Ludwig XI.: einen ganz so armen,schäbigen, von einem Hauch des Genius beseelten, hin- undHerschweifenden Poeten und Spielmann, wie Banville'sGringoire — der mehr als einmal gehängt werden sollteund von dem König begnadigt wurde; der von den siebenTagen der Woche viermal ohne Abendbrod sich auf einStrohbündel zum Schlaf ausstreckte und der doch wiederin seiner Seele die ergreifendsten Töne und Naturlautefand. Von ihm stammt, auf die Vergänglichkeit weiblicherSchönheit und männlichen Heldenruhms deutend, jenestiefsinnige und rührende Wort: „mai8 oü sont Iss nsigoscl'antun? Wo ist vorn vergangenen Jahre der Schnee?"Ist so Frantzvis Villon das reale Urbild unsers Grin-goire, so begegnen wir dem poetischen schon in VictorHugo's ,,Notre-Dame". Pierre Gringoire ist hier ein dra-matischer Poet, auch ihm steht der Tod beständig zurSeite. Aus den Händen der Strolche und Diebe rettetihn Esmeralda, indem sie ihn zu Heiratheu verspricht; imVerlause der Geschichte trifft er mit Ludwig XI. zusammenund geht gerade so hart wie Banville's Gringoire an demGalgen vorüber. Diese Aehnlichkeiten beeinträchtigen aber