Band 
[Erster Band]
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Uebertreibungen im Ausdruck der Empfindungen nichtschwer ins Gewicht fallen. Hier ist volles, warmes,künstlerisch verklärtes Leben. Die Frage von dem Rechtund Zweck des dichterischen Genius, die hier in dem Ge-mach des guten Simon Fourniez, eines Kaufmannes dergetreuen Stadt Tours, vor dem König Ludwig XI. zumAnstrag kommt; der Gegensatz zwischen Arm und Reich,Zwischen der Freiheit des Wortes und der Gewalt desKönigs erfüllen auch unsere Gegenwart.

Ein umherziehender, armer Poet, ein Trouvöre, wieman sie in Nordfrankreich nannte, Pierre Gringoire, wirddurch einen Zufall in die Nähe und vor das Auge Lud-wig's XI., den er persönlich bis dahin nie gesehen hat,geführt: der König sitzt bei seinem Freunde und GevatterSimon Fourniez, wie es so seine Weise war, einmal derStaatsgeschäfte vergessend, ißt und plaudert. Gegen eineBallade, die er vortragen soll, wird dem hungrigen Dichterein Abendbrod versprochen, und nach einigem Sträubenrecitirt Gringoire ein Lied von den Gehängten, die KönigLudwig XI. im Walde um sein Schloß hat hängen lassen— Früchte, die seine Gnade gezeitigt. In dem Schwung,dem wild phantastischen Zauber dieser Ballade wetteifertBanville mit dem Krähenliede unserer westfälischen Dich-terin Annette Troste. Das Loos des Dichters ist damitgeworfen, der Tod scheint ihm gewiß; aber in einer dämoni-schen Anwandlung, in der Gutmüthigkeit und Bosheit sichunlöslich in einander mischen, stellt ihm der König dieWahl, entweder die Liebe der schönen Louise, der TochterMeister Fourniez', zu gewinnen oder in einer Stundegehängt zu werden. Wie dem armen, häßlichen Burschenseine Liebeswerbung gelingt, ist wieder ein Meisterzug des

Frenzel, Dramaturgie. I. K