Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

77

Dienstag, den 25. April 1871, neu einstudirt: Krisen.

Charaktergemälde in vier Auszügen von Baaernfetd.

Nicht die Fabel, oft nicht einmal die Charaktere: dieSphäre, in der sie spielen, macht den anziehendsten Reizder Bauernfeld'schen Komödien aus. Mit ihren Schwächenund Vorzügen tritt nns die moderne gebildete Gesellschaft,der Salon entgegen; die Einwirkung der französischenKomödie ist noch mehr in den Dust und Hauch desGanzen, als in Einzelheiten und offenbaren Entlehnungenersichtlich. Aber dies Fremdartige wird zugleich durcheinen deutschen Zug, wenn er sich auch zunächst nur anWiener Verhältnisse und Persönlichkeiten anknüpft, ge-mildert und zu einer originalen Schöpfung gemacht. DieCharaktere setzen sich deutlicher und bestimmter in Ge-sprächen, als in Handlungen aus einander; die Conflictesind angedeutet, selten zu einem Ausgang geführt; esgiebt in allen Figuren und Fabeln Bauernfeld's eine so-genannte „Gemüthssaite" — Wienerische Gemüthlichkeit —die, berührt, alles Tragische in sentimentalen Tönen ver-klingen läßt. In den „Krisen" ist dieser Widerspruchzwischen den Gestalten und dem Ausgangs so wenig ver-hüllt, so grell, daß der Zuschauer mit sehr getheilterEmpfindung von Prisca und Eduard scheidet. DasBauernfeld'sche oft wiederholte Thema: die Liebe einesjungen Mädchens zu einem doppelt so alten Manne, dieVermählung der Jugend und Unerfahrenheit mit demAlter und der Erfahrung, hat von vornherein etwasBittersüßes, weil es einen unleugbaren Verzicht, Zweifelund Entsagung des einen Theils in sich schließt, und derDichter, statt den nothwendigen Gegensatz zu mildern,liebt es noch, ihn zu verschärfen. In einer thörichten