Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

136

Unverstand, Grille in die Seelen ihrer Helden legen.Dadurch wird den Zuschauern die ganze Handlung mensch-lich näher gerückt, es fehlen die Ahnfrauen, die Prophe-zeiungen, die Ahnungen, die blutgeweihten Dolche, Allesentwickelt sich mit einer strengen, unerbittlichen Folge-richtigkeit in einer durchaus beschränkten Wirklichkeit, ineinem einsamen Jägerhause, in der Wohnung eines Tisch-lers; nichts ist uns ungewohnt, nichts ist uns fremd indiesen Verwickelungen: aber der Eindruck ist, meiner Em-pfindung nach, unbehaglicher und abstoßender, als dieWirkung der „Ahnfran" oder der „Schuld". Die ver-schlungenen Verhältnisse, die Romantik der Schicksalsdramen,ihr phantastischer Schauplatz stellen sich von vornhereinden Zuschauern als eine fremde, poetische Welt gegenüber,wir sehen einem Schattenspiel zu, während „der Erbförster"uns mit seiner Realität, seiner Handgreiflichkeit an dasHerz greift; ängstlich fragen wir uns: wohnt in deinerSeele vielleicht auch verborgen ein solcher Dämon, der beidem geringsten Zufall seine Bande sprengen kann? DieKunst Hebbel's und Otto Ludwig's ist größer, ihre dichte-rische Kraft, Charaktere, Menschen zu schaffen, unvergleich-lich stärker, als die ihrer Vorgänger: aber ihre Schöpfungensind dafür auch herber und bitterer. Von der ersten biszur letzten Zeile wird man im „Erbförster" nicht frei voneinem stechenden Schmerz; man erleidet nicht nur seelisch,sondern beinahe leiblich alle Grade der Folter. Mankann weder an der Wahrheit dessen, was sich vor unserenAugen abspielt , noch an der Logik, die der Entwickelunginnewohnt, zweifeln und doch fragt man sich: Ist denndies nun ein volles wahres Abbild des Lebens? Ist dasDasein nur ein Nachthimmel ohne Sterne? Giebt es gar