311
als sie im dritten Akt den zn ihren Füßen liegendenKnaben umarmt, bezeichnen die Höhepunkte der beiden,sie hin- und hertreibenden Leidenschaften, der Eifersucht undder Mutterliebe. Die Medea der Ristori flößt von ihremAuftreten bis zu ihrem Ausgang, wie wechselvoll auchihre Stimmungen und Entschlüsse sein mögen, tiefes Mit-leid ein; wie im Trauerspiel der Sänger Orpheus, sosteht im Theater auch der Zuschauer auf ihrer Seite, siebeklagend und ihr Recht in dem Kampf gegen ihre Wider-sacher gebend. Damit aber verliert das Bild Medea's,wie es uns Allen vorschwebt, seine Bestimmtheit, es kömmtein Farbloses, Aschgraues hinein. So bettelarm, so flehendan dem Altar eines fremden Hauses lag die Königstochtervon Kolchis nicht, die den Drachen einschläfern konnte,deren furchtbare Zaubersprüche auf Thraciens Gefilden,in der Mondnacht, noch Ovid nachgesungen. Die griechischeMedea ist unheimlich, Schrecken erregend, von andererSchönheit als Signora Ristori. Dem Dämon gleich,läßt Homer seine Helden vorstürmen, so müßte auchMedea von dem Felsen Herabsteigen. Signora Ristoriist nicht grauenvoll; nicht einmal, wenn sie Jason aufseine Frage: „Wer hat die Knaben ermordet?" ihr„Du!" entgegenschleudert, wächst sie zu einer furchtbarunnahbaren Gestalt auf. Eine zornige, heißblütige,eifersüchtige Italienerin, die sich auch mit dem Messerihr Recht zu verschaffen nicht scheut — vortrefflich,aber nicht Medea, die Barbarin, die den Bruder ge-schlachtet hat, um den Vater, der sie verfolgt, aufzu-halten. Dies ist nun die Grenze der Signora Ristori;sie kommt nicht zur Höhe des tragischen Schreckens. DesDichters Wort: