Band 
[Zweiter Band]
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ihr volles, eigenthümliches Leben, einen unverlierbarenZauber. Was der Dichter wollte, ist uns nicht in einertadellosen Zeichnung, in schönen Linien, aber blassenTönen, sondern in Farbenglnth und Pracht wiedergegeben.Gelingen auch der Künstlerin die naiv sentimentalen Scenenam reinsten, so vermag sich doch ihr Organ wie ihrSpiel kunstvoll zum. Tragischen'— zu der Tragik, welchedie Liebe erzeugt, zu steigern. Ihre Erscheinung, zartund schlank, erinnert, wie ich schon oben sagte, anraphaelische Figuren, ihre Geberde, ihr Gang bewahrenbei aller Beweglichkeit und in der Heftigkeit des Affectseine edle Schönheit. Hier steht sie ebenbürtig nebenRachel Felix, an der Alles bis zum letzten Saum ihresKleides, wenn sie aus die Bühne trat, klassisch und plastischwar. Wenn sie ihr in der Verkörperung des Hochtragischenden Kranz lassen muß, so besitzt sie dafür die Blütheholden Mädchenthums und süßer Weiblichkeit, die derfranzösischen Künstlerin fehlte. Ob Marie Seebach jemalseine Jphigenie, Sappho, Antigone, Phädra, eine LadyMacbeth, eine Orsina wirksam darzustellen im Standesein wird? Ich wünschte es wohl, aber ich hoffe es kaum.Denn das Tiefste und Ergreifendste in ihrem Spiel istkeine Kunst des Geistes und des Verstandes, sondern diehalb unbewußte Offenbarung ihres Herzens. Wohl kenntsie alle Geheimnisse ihrer Kunst und dringt in ihrenStudien bis auf den Grund der Charaktere, die sie dar-zustellen hat, das Bestimmende aber, das Ursprünglicheund Eigenartige in ihrem Talent ist die überquellendeEmpfindung. Der verleiht sie die verschiedenartigsten undimmer melodischen Töne, die weiß sie in ihren Gestaltenin immer anderen Farben und Formen zu verkörpern:

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