Band 
[Zweiter Band]
JPEG-Download
 

328

abend den 21. Mai 1870 gab, deckte zunächst die Er-scheinung unsere Vorstellung von der Fürstin Messina's.Die Figuren des dramatischen Dichters sind in der Ver-körperung durch den Schauspieler wandelbar und in einembeständigen Fluß: nicht nur, was Jeder zngiebt, durch die-Individualität des Künstlers bedingt, sondern auch durchStimmung und Anschauung der jeweiligen Zeit. Wir sehennicht mehr den Hamlet, den Shakspeare sah, nicht einmalmehr den Garrick's; die Phädra der Rächet war eine ganzandere, als die der Champnwlo zu Racine's Zeiten.Aber in diesen Gestalten ruht ein Bleibendes, so zu sagenihre Substanz — und wie eigenartig sich nun auch dieDarstellung der einzelnen Talente zeigt, diese Substanzsollen sie alle zur Erscheinung bringen. Schiller's Jsa-bella ist kein schwieriger, kein problematischer Charakter: einestolze Fürstin von matronenhafter Haltung, in schrecklicherZeit an Schreckliches gewöhnt, mit einem starken, an dieNiobe der Mythe erinnernden Zug: so, wenn sie sich alsglücklichste Mutter hochfahrend preist; wenn sie die Orakelverspottet und der Gottheit trotzt. Ist es nun ClaraZiegler gelungen, dies zu verkörpern? Im hohen tragischenStil: nein; in einer viel beschränkteren Form: ja. DieKünstlerin greift die Gestalt naturalistisch auf: eine fürst-liche Frau, die weniger ihr Geschick tiefinnerlich empfin-det, als äußerlich schwungvoll in schwungvollen Versenausdrückt. Mit einem wunderbaren, WandlungsreichenOrgan begabt, wendet die Künstlerin ihre ganze Kraftund Aufmerksamkeit der Ausbildung dieses Mittels zu,sie scheint in einem Strom von Melodiken zu schwimmenund, ihrer Kunst zum Schaden, sich daran zu berauschen.Die Lieder der Sirenen bethörten doch nur die Sterblichen,