Frau von Stein.
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Anna Amalia, und der zarten, aus der Darmstädter Klopstock-Gemeindenach Thüringen verpflanzten Herzogin Luise, die rasche FreundschaftWielands und mancher künstlerisch begabter Edelleute, die zuwartendeHaltung weiser Staatsmänner, Zerstreuung und Sammlung, Anstrengungim Dienste des Landes, Kenntnis der großen und der kleinen Welt,sortwährende Impulse sür Naturdichtung und Naturforschung — dasalles und viel mehr bleibe unberührt. Sondern:
Einer Einzigen angehören,
Einen Einzigen verehren,
Wie vereint es Herz und Sinn!
Lida! Glück der nächsten Nähe,
William! Stern der schönsten Höhe,
Euch verdank' ich, was ich bin.
Lida ist der Name, mit welchem Goethes Lyrik Charlotte von Steingeschmückt hat. Die „liebe Frau" heißt sie am häufigsten in seinenBriefen, die uns seit l848 entzücken und die wichtigste Quelle fürunser Wissen von den zehn Jahren bilden. Scholl hat sie in dreiBänden herausgegeben und sich durch Einleitungen und Noten dashöchste Lob verdient. Jetzt ist durch W. Fielitz im Verlag des Goethe-Jahrbuchs eine schmucke neue Ausgabe mit mancherlei Correcturenbesorgt worden*). Es ist leider eine halbe Correspondenz, die hiervor uns liegt, denn die meisten eigenen Schreiben hat Frau von Steinverbrannt; wenigstens bieten gegentheilige Behauptungen keine Ge-währ der Glaubwürdigkeit. Von ihrer Hand ist uns auch sonstnicht eben viel erhalten, z. B. die Briefe an Lotte Schiller aus ver-bitterten Jahren.
Dem Historiker sind die Zeugnisse großer stimmfähiger Zeitgenossenwerther, als die getrübten Auffassungen der Epigonen. Schiller hatsich zu Weimar, wo es an keinerlei Nachrede fehlte, im August 1787folgendes Urtheil gebildet: er, der damals mit der Scharfäugigkeit desDarbenden Goethes ganze glückliche Existenz maß, nennt Charlotte diebeste unter den Frauen Weimars, „eine wahrhaftig eigene interessante
*) Goethes Briese an Frau von Stein, herausgegeben von AdolfScholl. Zweite vervollständigte Auslage, bearbeitet von Wilhelm Fielitz. 2 Bände.Frankfurt a. M. Literarische Anstalt, Mitten u. Löning. 1883, 1885. Als Ergänzungdazu war es mir vergönnt herauszugeben „Goethes Tagebücher und Briefe an Frauvon Stein aus Italien" 1886 (Schriften der Goethegesellschast II).