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Frau von Diein.
Person, und von der ich begreife, daß Goethe sich so ganz an sieattachirt hat. Schön kann sie nie gewesen sein" (die Grafen Stolbergurtheilen 1775 anders), „aber ihr Gesicht hat einen sanften Ernstund eine ganz eigene Offenheit. Ein gesunder Verstand, Gefühl undWahrheit liegen in ihrem Wesen. Diese Frau besitzt vielleicht übertausend Briese von Goethe, und aus Italien hat er ihr noch jedeWoche geschrieben. Man sagt, daß ihr Umgang ganz rein und un-tadelhaft sein soll."
Charlotte von Stein, geborene von Schardt, hatte „zugleich mitdem heiligen Christ" am 25. December 1742, fast sieben Jahre vorGoethe, das Licht erblickt und im Mai 1764 den OberstallmeisterFriedrich Freiherrn von Stein geheiratet, einen gewandten, derben Mannohne höhere Bildungsinteressen, der in einem der unbedeutenden Sing-spiele des Weimarer Goethe flüchtig als „Herr von Altenstein" figurirtund daselbst seinem Amte gemäß von Pferden redet. Sie lebten theilsin Weimar, theils auf dem Gute Kochberg. Vier Mädchen waren schonvor Goethes Ankunft gestorben, so daß die beliebte Rechnung in denAusrufen der Entrüsteten „die Mutter von sieben Kindern!" eines Ab-strichs bedarf. Drei Söhne lebten; der jüngste, Fritz, von Goetheerzogen, der Cherubin der Frau Rath, ist 1772 geboren. Wir erkennenihn im kleinen Christel der „Geschwister", im Knaben des „Falken",im Felix des „Wilhelm Meister".
Graziös gewachsen, zeigte Charlotte ein klares, feines, von dichtenLocken umrahmtes Gesicht mit sehr zurückweichender Stirn. Nur dasOriginal des kleinen Profilbildes in Kochberg, wo ich erinnerungsreicheStunden genießen durfte, giebt eine Ahnung von dem Zauber ihresBlicks. Die objectivste Schilderung ihres Wesens, dem kein heißes,sinnlich erregtes Temperament eigen war, liefert Knebel 1787: „Sie istunter allen diejenige, von der ich am meisten Nahrung für mein Lebenziehe. Reines, richtiges Gefühl bei natürlicher, leidenschaftsloser Dis-position haben sie durch den Umgang mit vorzüglichen Menschen, derihrer äußerst seinen Wißbegierde zu Statten kam, zu einem Wesen ge-bildet, dessen Art in Deutschland schwerlich oft zu Stande kommendürfte. Sie ist ohne alle Prätension, natürlich, frei, nicht zu schwerund nicht zu leicht, ohne Enthusiasmus und doch mit geistiger Wärme,ist wohlunterrichtet und hat feinen Tact."