Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
JPEG-Download
 

306

Frau von Stein.

In den ersten Januartagen 1 776 beginnt Goethe die Correspondenzmit der lieben Frau, zunächst etwas obenhin, obwohl sich schon vorSchluß des Monats eines jenerDu" einstiehlt, die dann mit demSie" wechselnd sein Ringen und Werben so beredt malen. Noch scheintkein tieferes Gefühl den etwas burschikosen Bericht, wie er sich auf derRedoute bei allen hübschen Gesichtern herumgelogen habe, zu hemmen.Aber bald besetzt Charlotte die ganze Gegenwart und verscheucht diegeleitenden Schatten der vorweimarischen Zeit. Auch die von Draperienicht freien Briefe an die junge Reichsgrästn Gustchen Stolberg, dieBriese an Johanna Fahlmer brechen bald ganz ab.

Die zehn Jahre sind überhaupt reich an Abschlüssen. Zwar nichtGoethe selbst, aber ein diebischer Nachdrucker bezeichnete 1775 1779durch drei Auflagen vonD. Goethens Schriften" das Ende der Jugend-epoche, bis Goethe 1787, während der italienischen Reise, einen neuenMarkstein setzte. Seine früheren Schöpfungen lagen wie Schlangen-häute hinter ihm auf dem Wege, und wenn er eine wieder las, sowunderte er sich über diese fremde Welt. Die Brüderschaft mit denDichtern des Sturmes und Dranges nahm ein Ende. Eine Rüge vonVater Klopstock ließ er sich nicht mehr gefallen, aber vacirende Genieswurden 1776 vor die Thür gesetzt. Langsam sehen wir Bruch undZwist mit Freunden vom Schlage Lavaters und Jacobis nahen.

Zwischen 1778 und 1786 starben führende Männer wie Voltaire,Rousseau, Lessing, Diderot, Friedrich II., und in Deutschland bereitetesich die litterarische Großmachtstellung Weimars vor, während Goetheneue Dichtwerke im Stillen hegte und Kleineres als Futter für dasRepertoire des Liebhabertheaters hinwarf.

Besonders laut spricht von persönlichen Abschlüssen ein Brief anFrau von Stein, 1779 auf der Schweizer Reise verfaßt: wir sehenGoethe in Emmendingen am Grabe seiner 1776 abgeschiedenen SchwesterCornelie trauern; er stattet den Sesenheimern einen versöhnlichen Be-such ab; er macht in Straßburg Visite bei Lili v. Türckheim, die er alsglückliche Mutter findet.

Seine theuren Todten, seine werthen Entfernten, seine verblichenenLiebschaften, seine erblassenden Freundschaften, alle beerbt Frau von Stein.

Goethe kann nicht denken, daß er und sie sich im November 1775zufällig finden; und wenn er, sein Leben mit dem Talisman ihrer