Frau von Stein.
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Dieses Wesen bestimmte Goethes Verhältnis zu ihr. Ihm warbisher in Sophie von La Röche die erste hochgebildete Salondame,weder von pretiöser Empfindsamkeit, noch von den Ansprüchen desschriftstellernden Frauenzimmers srei, entgegengetreten. Seine früherenGeliebten standen meistens gesellschaftlich, sämmtlich geistig unter ihm;denn mit der grundgescheiten Friederike Oeser hatte den Studentennur Freundschaft verbunden. Da erscheint das Frankfurter Gretchenniederen Standes in fragwürdiger Umgebung; Käthchen oder Annetteals hübsches Bürgermädchen, dem durch Leipziger Lecture, Theaterspielund Musik ein bischen Bildung angeflogen ist; die LandpredigerstochterFriederike, eine nur im Dorfe denkbare Jdyllenfigur; dann die gut-bürgerliche, unmuthige Lotte Busf, ohne große Sentimentalität, einvollkommenes Hausmütterchen; die demüthigen Mädchengestalten derGerocks und flottere Landsmänninnen; die Max La Röche-Brentano,erst ein schönes Salonsräulein, dann eine verschüchterte junge Kauf-mannsfrau; Christel, ein dralles Kind, ein „Misel" (Mäuschen) aus,dem Volke; endlich Lili, die wohlerzogene, vornehme junge Dame, baldlaunisch, bald leidenschaftlich hingebend, geistig nicht hervorragend, aberimmer unendlich anziehend zu einem „Glück ohne Ruh".
Den Widerhaken der Lililiebe im Herzen, kam Goethe nach Weimar,wo noch 1776 ein Exemplar der „Stella" mit Versen für die frei-gegebene Braut begleitet, die unerträgliche Umgebung der Schönen aberungestüm verwünscht wurde. Allerlei neue Liebschaften verdunkeltenihm die ersten Monate. Doch schon 1774 hatte ihn eine SilhouetteCharlottens srappirt und dem jungen Physiognomiker die prophetischeDeutung abgenöthigt: es wäre ein herrliches Schauspiel, zu sehen, wiedie Welt sich in dieser Seele spiegle. Nach kurzer Zeit sollten sich dasUrbild und der Interpret „durchs Medium der Liebe" sehen.
Zum ersten Male liebte Goethe eine nicht bloß an Jahren ältere undreifere Frau, welche die feinsten Formen nicht anerzogen, sondern angeborenals das Erbe aus einer adeligen, tüchtigen, frommen Familie beherrschteund durch Bildung des Herzens wie des Geistes keiner Frau Weimars wich.Sie beurtheilte den siegesgewissen, dämonischen Ankömmling erst kühl undsagte ihm trop cks gsunosso ot pou ck'oxporisuos nach; dann ging sie, diein einer äußerlichen Ehe gewiß oft nach dem Manna geistiger und seelischerSpeise geseufzt, dem jungen Genie liebevoll gebend und nehmend entgegen.
L. Schmidt, CharaktcristUc». 20