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Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Frau von Stein.

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und doppelt den Gewinn, den Glücksfund mit den späteren ReimenIch ging im Walde" und dem Distichon:

An dem Meere ging ich und suchte mir Muscheln. In einerFand ich ein Perlchen; es bleibt nun mir am Herzen verwahrt.

Während Goethe, Antikes und Modernes vermählend, als einGrößerer zu den römischen Triumvirn der Liebe sich gesellte und vonden unerfreulichen Dramen, welche die französische Revolution obenhinbehandelten, zur Naturforschung zurückkehrte, wühlte Frau von Steinim Schmerz und Grimm der Verlassenheit, der 1794 inDido" denabgefallenen Freund als Ogon carikirte. Es stimmt gar wehmüthig,wenn man in ihrem Briefwechsel endlich auf den dürftigen Anhang17901826" stößt. Aber ein freundlicheres, milderes Schauspiel istes zu sehen, wie die Vereinsamte, deren Gemahl elend dahinsiechte, inder Zeit ihres tiefsten Leidens die vertraute Helferin des LiebespaaresSchiller und Lotte ward. Wir erblicken zwei verlassene Lotten undeine von jungem, doch nicht sorglosem Glück erfüllte Lotte. Schillerlöst nicht ohne Grausamkeit die letzten Bande, die ihn an die krank-haft leidenschaftliche Charlotte von Kalb noch fesselten, und gewinnt

An meine Freunde.

Heilig wäre mir nichts? Ihr habt mein Leben begleitet,

Freunde, und wißt es, was mir ewig das heiligste ist.

Alle drei sind von Schillers Hand geschrieben, aber auch Goedeke bemerkt, daßGoethedictirt haben konnte"; doch scheint er an Schillers Autorschaft zu glauben, da er fürdas erste Distichon die Beziehung auf Lotte Schiller bestreiket und mit einem Fragezeichenan Charlotte v. Lilienstern, geb. Wolzogen, Schillers alte Flamme, erinnert. Ichschreibe alle drei Nummern Goethe zu, die erste und zweite eng verbunden an Char-lotte von Stein gerichtet, als ältere Seitcnstücke zu dem oben citirten venezianischenEpigramm, das geradezu wie mir Hans Hopfen soufflirt die reinere Fassungunsers zweiten Distichons sein wird. Ich erkläre den zweiten Pentameter:aber wirfanden uns nicht mehr und werden uns ewig nicht mehr finden". Ich sehe in demdritten Distichon eine Erklärung Goethes an diejenigen Weimarischen Genossen, diewie Herders die Stimmung des aus Italien Zurückgekehrten nachzufühlen wußten, underblicke darin das Pendant oder besser die erste Fassung des 75. venezianischen Epigramms:

Frech wohl bin ich geworden; es ist kein Wunder. Ihr GötterWißt und wißt nicht allein, daß ich auch fromm bin und treu.

Die drei Nummern sind also Paralipomena der venezianischen Epigramme und vonSchiller nach einem Goetheschen Bronillon abgeschrieben. Es ist interessant, daß diezweite An * * * (Charlotte) sorgsam ansgestrichen ist; gewiß von Goethe.