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Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Marianne-Suleika.

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lichen Zimmer nicht sehen können, ohne sie leidenschaftlich zu lieben,bis andere Neigungen sein unstetes Herz erfüllten. Sie war ihm, ihremLehrer auf der Guitarre, dem genialen, halb komödiantisch zwischen Witzund Elegie wechselnden Elemente herzlich zugethan; doch wohl ihr, daßsie der Kometenlausbahn Brentanos, der endlich den Stab des Glaubensals alleinige Stütze ergriff, nicht gefolgt ist! Aber sie lebt auch inseinen Schöpfungen fort, nicht sowohl weil ihr nach langer Pause ineiner neuen Epoche des Verkehrs das krause Märchen von Gockel,Hinkel und Gackeleia als dem liebsten Großmütterchen zugeeignet undweil von ihrem seinen Geschmack ein Antheil an der Redaction deranderen Märchen erbeten wurde, sondern vor allem lebt sie als Bion-detta fort in denRomanzen vom Rosenkranz", einer katholischenDichtung von unwiderstehlicher Magie, dem Brentanoschen Faust.Biondetta ist eine holde Tänzerin Bolognas, die aus Frömmigkeitdem Theater entsagt, aber von dem Zauberer Apo in sein Haus geholtwird. Clemens steht dem unheimlichen Wundermann der italienischenSage als Student Meliore gegenüber. Seltsam, wie dieselbe Frauen-gestalt in unserer Dichtung für die westöstliche Suleika wie für diemittelalterlich-mystische Biondetta ein Modell gewesen ist. Hier derfarbenprächtige Divan, tageshell, mit seinem Formenwechsel und Reim-reichthum, mit Liebesrufen und Trinksprüchen, weisheitgesättigt, einFüllhorn Goethescher Stimmungen dort eine dämmerige, geheimnis-volle Kirche, wo die Sonnengluten sich in gemalten Scheiben brechen,wo die gleichmäßigen Glockentöne der Assonanzen wundersam zu ernsterBetrachtung und strenger Weltslucht läuten, wo frommer Weihrauchum den Spuk und die Fehden des Mittelalters, um die Sünde in derMenschheit seine duftigen Wolken breitet.

Sie ahnte nichts von diesem Denkmal Brentanos, als ihr GoetheZum ersten Male begegnete. Das geschah unmittelbar vor ihrer Ver-heiratung mit Willemer im Sommer 1814. Aber dieliebe Kleine"verwandelte sich noch nicht in die Suleika des bereits keimenden Divan;Goethe schreibt aus Weimar an Willemer, den theuren alten Freund,nicht an die junge Frau allein. Entscheidend war erst das nächste Jahr,1815. Am 12. August traf Goethe als Willemerscher Gast aus derGerbermühle ein, um hier in der nächsten Nähe Frankfurts einigeWochen das beglückteste Landleben zu führen; freundlich theilnehmend

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