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Marianne-Suleika.
an den Bemühungen Sulpiz Boisserees um die altdeutsche Kunst, aufpoetischen Schwingen ostwärts fliegend, auch den naturwissenschaftlichenNeigungen nicht untreu, heiter dankbar für gegenwärtigen Segen Leiguten, liebenswerthen Menschen. Seine Jugendfreunde kamen herüber,der goldene Eilfer goß ihm neue Jugend ins Blut, und die liebreizende„Müllerin" begeisterte zu neuen Liedern. An die schönsten StrömeSüddeutschlands führt uns die Geschichte Goethes und Mariannens,an Donau und Main, Rhein und Neckar, und Marianne ist Süd-deutsche, ist Österreicherin vom Wirbel bis zur Sohle. Wenn vonGoethes mannigfachen Beziehungen zu Österreichern gesprochen wird,da werde voran nicht der gravitätischen Schreiben an „Seine des HerrnGrasen Caspar von Sternberg Excellenz" oder der verbindlichen Bade-briefe an einzelne Aristokratinnen, sondern unserer Linzerin gedachtkSie war eine allerliebste Erscheinung, eine zierliche, volle Brünette, dieihre heitere Anmuth und naive Grazie mit leichter, harmloser Schel-merei so siegreich wirken ließ, daß Goethe sie den „kleinen Don Juan"nannte, wie ein frisches, resolutes Wesen ihr den Necknamen des „kleinenBlücher" eintrug. Sie gab sich unbefangen ohne Ziererei und Anspruch,war gebildet ohne Prunk, poetisch in Gesang und Wort und Empfin-dung ohne Sentimentalität, beweglich ohne Leichtsinn, denn sie ver-diente sich neben der Erfüllung aller herzlichen Tochterpflichten auch alsGattin des um vierundzwanzig Jahre älteren Mannes und als Stief-mutter eine unbegrenzte Verehrung. Der große Geograph Ritter, da-mals Hauslehrer in Frankfurt, bezeugte ihr 1810 durch ein herzlichesStammbuchblatt, ihre Seele töne von den Anklängen höherer Geister-hand harmonisch wieder. Anderer zu geschweige«, hat sich der gefeierteHistoriker Böhmer gleich Boisseree in steter ritterlicher Verehrung vorihr geneigt, und ein frommes Wesen gewann ihr die Freundschaft desedlen Sailer, Bischofs von Regensburg, sowie sie den strenggläubigenSchlossers auf Stift Neuburg eine herzerquickende Freundin wurde»Fromm auch im weiten Goetheschen Sinn einer Hingebung an allesGroße und Höhere, sah sie zu Goethes Genius empor. Sie umfaßteund umleuchtete ihn nicht mit der raketenhaft aufflammenden GenialitätBettinas, die um seine Linien ihre wundervoll poetischen Arabeskenschlang, denn Marianne stand realistisch, keine Romantikerin, im Leben.Sie wurde ein klarer Spiegel seines Wesens und Dichtens. Sie war,