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Marianne-Suleika.
Marianne aber hatte ihrer Frauenart nach sinniger und bescheidenergeschrieben:
Und mich soll sein leises FlüsternVon dem Freunde lieblich grüßen;
Eh' noch diese Hügel düstern,
Sitz' ich still zu seinen Füßen.
Was sie in diesen, man muß gestehen: der Goetheschen Prägung,überlegenen Zeilen gehofft, ging am Neckar herrlich in Erfüllung.Einige Tage des Beisammenseins, reich an Liebe, Glanztage derGoetheschen Dichtung, folgten. Am 26 . September, auf der Heimreisemit dem Gatten, erkor sie, wie kurz vorher den raschen Ost, so demlauen Westwind zum Boten. Ihr Sehnsuchtslied, eine der wunder-vollsten Schöpfungen deutscher Lyrik, lautet ohne Goethes kleine nach-trägliche Änderungen:
Ach, um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide,
Denn du kannst ihm Kunde bringen, »
Was ich durch die Trennung leide.
Die Bewegung deiner FlügelWeckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und HügelStehn bei deinem Hauch in Thränen.
Doch dein mildes, sanftes WehenKühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müßt' ich vergehen,
Hofft' ich nicht, wir sehn uns wieder.
Geh denn hin zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen,
Doch vermeid ihn zu betrübenUnd verschweig ihm meine Schmerzen.
Sag ihm nur, doch sag's bescheiden,
Seine Liebe sei mein Leben,
Freudiges Gefühl von beidenWird mir seine Nähe geben.
Aber sie hat ihn nie wiedergesehen. Goethe vermied es. EinenTag nach diesem Gedicht schrieb er an Willemers ernste Tochter, seine