Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
JPEG-Download
 

Marianne-Suleika.

325

UM einen herrlichen Vergleich Achims von Arnim auf Marianne an-zuwenden, alseine schöne, fromme Seele wie das Tüchlein der heiligenVeronika, auf welchem das Bild des Geliebten ohne Malerkunst inewiger Treue abgedrückt bleibt; alles ist ihr reine Erinnerung vonihm, unverschönert, denn das bedarf er nicht, unverhäßlicht, denn dasleidet sie nicht". Wie ihr Gesang in Goethes Gegenwart noch seelen-voller wurde, so stimmte sie, bisher nur liebenswürdige Haus- undGelegenheitsdichterin, nun inspirirt ein in seine hafisischen Klänge.Hatem-Goethe fand sich einer mitdichtenden Suleika gegenüber. IhreGedichte sind der poetisch gesteigerte Ausdruck ihrer Gefühle, dennes war aus beiden Seiten eine Liebe ohne Leidenschaft, oder doch nurmit leidenschaftlichen, im Leben wohl beherrschten, in der Dichtung freiausgedehnten Momenten.

Und noch einmal fühlet GoetheFrühlingshauch und Sommerbrand!

Als imBuch Suleika" die Mädchen ungläubig fragen:

Ist sie denn des Liedes mächtig,

Wie's auf unsern Lippen waltet?

Denn es macht sie gar verdächtig,

Daß sie im Verborgnen schaltet!da vollzieht Hatem die giltige Dichterweihe:

Nun, wer weiß, was sie erfüllet!

Kennt ihr solcher Tiese Grund?

Selbstgefühltes Lied entquillst,

Selbstgedichtetes dem Mund ....

Goethe ging mit Sulpiz nach Heidelberg; am 23. Septemberglückte Mariannen das Lied:

Was bedeutet die Bewegung?

Bringt der Ost mir frohe Kunde?

Seiner Schwingen frische RegungKühlt des Herzens tiefe Wunde,dessen vierte Strophe im Divan lautet:

Und mir bringt sein leises FlüsternVon dem Freunde tausend Grüße;

Eh' noch diese Hügel düstern,

Grüßen mich wohl tausend Küsse.