Marianne-Suleika.
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und wissen genau, was in mir vorging, ich war mir selbst ein Räthsel;zugleich demüthig und stolz, beschämt und entzückt, schien mir alles wieein beseligender Traum, in dem man sein Bild verschönert, ja veredeltwieder erkennt, und sich alles gerne gefallen läßt, was man in diesemerhöhten Zustande Liebens- und Lobenswertes spricht und thut; jasogar die unverkennbare Mitwirkung eines mächtigen höheren Wesens,insofern sie uns Vorzüge beilegt, die wir vielleicht gar nicht zu besitzenglaubten, ist in seiner Ursache so beglückend, daß man nichts thun kann,als es für eine Gabe des Himmels anzunehmen, wenn das Lebensolche Silberblicke hat/' So saß sie auch in Gedanken still zu seinenFüßen, und die Wahrheit der Divanverse geht uns rührend auf:
Daß DichterworteUm des Paradieses PforteImmer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ew'ges Leben.
Welch ein Ruhm, die stille Mitarbeiterin des größten Dichters zusein, in Schuberts oder Mendelssohns Weise zu hören: „Ach um deinefeuchten Schwingen", sich sagen zu dürfen: das ist mein, und keineScheidekunst.hat es als fremd ausgesondert aus dem Goldschätze derGoetheschen Lyrik; wie die Kritik, dadurch gemahnt auch ihrerseits etwasbescheiden zu sein, noch heute bei einigen Nummern des Divan nurmit Suleika zu Goethe sagen kann:
Wohl, daß sie dir nicht fremde scheinen;
Sie sind Suleikas, sind die deinen.
Ihre schönsten Lieder haben wohl etwas Leiseres, Discreteres alsdie Goetheschen, aber doch konnte ohne jeden Widerspruch die EigenartGoethes an Mariannens Versen dargelegt werden. Der Dichter selbstsagt: „Wie oft habe ich nicht das Lied singen hören, wie oft dessen Lobvernommen und in der Stille mir lächelnd angeeignet, was denn auchwohl im schönsten Sinne mein eigen genannt werden durfte."
Welch edle Bescheidenheit aber, dieses stolze „das ist mein" nursich selbst zu sagen! Es war eine vornehmere Zeit als heute, woGedichte kaum getrocknet in die Druckerei fliegen und die Poetinnen inhellen Schaaren auf die Messe ziehen.