Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Marianne-Suleika.

Von euch Dichterinnen allenIst ihr eben keine gleich:

Denn sie singt mir zu gefallen;

Und ihr singt und liebt nur euch,

ruft Hatem im Divan. Und nochmals, der Dichterin, die ohne denleisesten Miston so harmonisch in Goethes Saitenspiel greisen, dieGoethesche Lieder nicht nur durch den Zauber ihres Wesens wecken,sondern selbst mit Goetheschen Liedern beantworten konnte, ihr istwahrlich keine andere in Deutschland gleich. Auch sie hat in der Be-geisterung eines einzigen Sommers den höheren Stil von der Liebegelernt. Auch sie, die keine Bajadere war, ist von Mahadöh in feurigenArmen zum Himmel emporgetragen worden. So lange Goethes Lyrikdie Menschen durchsüßt und labt und erhebt, so lange wird der eineLiedersominer Mariannens in Blüten prangen, die nach ihrem Dufte,nicht nach ihrer Zahl bewundert werden. Nicht sie lief zur Poesie,sondern die Poesie kam in der Person ihres großen Reichsverwesers zuihr, gebend und empfangend. Damals hat Mariannens Dasein einenneuen Schwung und Inhalt gewonnen, der nimmer versiegte. FrauMusica blieb ihr treu bis an das Lebensende, und Goethesche Bildungwar ihr Schatz bis zur unbestimmten Stunde. Im tiefen VerständnisGoethescher Herzensdichtung, das in den Schöpfungen den Schöpferleben und lieben, leiden und genießen sieht, leuchtet sie uns vor. Siekannte die Melodie zu manchen Bekenntnissen des Meisters, die demminder feinsinnigen, minder eingeweihten Leser angesungene Worte sind.

Was ich mir von Paradiesesquellen aneignen durste und wieder-holt aneigne, erfrischt und erquickt mein Leben und erhebt mich in mirselbst; ich danke dem Geschick für diesen Glanzpunkt meines Daseins,der ohne bittere Zugabe, rein und unvermischt meine späten Lebenstagezu erhellen vermag; dies ist ein Geschenk des Himmels weit über meinVerdienst."

So konnten die späteren Jahre der verwittweten und alterndenFrau, die aus der unmuthigen Suleika ein ebenso unmuthiges Groß-mütterchen geworden war, nicht arm noch eng sein in zierlichem Denkenund süßem Erinnern. Und die Saat der Liebe und Güte, die sie aus-gestreut, trug ihr reiche Ernten von inniger Verehrung und Bewunde-rung in die behaglichen Zimmer der Mainzergasse zu Frankfurt, wo