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Die deutsche Litteratur nach ^8^8.
nach unserem Empfinden das tiefste und ergreifendste aller dramatischen WerkeHeyses, demnächst der gleichfalls tragische .Alcibiades' hervorzuheben. Unterden Schauspielen bleibt .Hans Lange' das gelungenste und kräftigste, von tüch-tigem Leben und selbst von einem gesunden Humor durchtränkt, in der Gegen-überstellung des klugen pommmerschen Bauern und des jungen Prinzen, derin der Schule des Bauern zum Manne wird, von drastisch-volkstümlicherWirkung, das ganze Stück in Aufbau, Durchführung und Sprache gleich frisch.Die Dramen .Elisabeth Charlotte' und .Colberg', das Lustspiel .Die Weibervon Schorndorf', die aus der gleichen Wurzel erwachsen find, können sich dochnur in Einzelheiten mit .Hans Lange' messen. Ein echt poetisches Elementdurchzieht trotz des Ausklangs in müde Resignation das Drama .Die WeisheitSalomos'. Unter den übrigen Dramen Heyses verdienen, .Meleager' und .DieSabinerinnen' den Namen interessanter Studien; in .Maria Moroni', .DieGöttin der Vernunft', .Das Recht des Stärkeren' und einigen kleineren Stückenist das Motiv in der That mehr novellistisch, als dramatisch; die Menschen-zeichnung, obschon über das Gewöhnliche erhoben, entbehrt des energischen Zugesder Charakteristik, aus dem bleibende Bühnengestalten erwachsen. Bei demeigentümlichen Mißverhältnis des modernen Theaters zur dramatischen Pro-duktion erscheint es durchaus unzulässig, diese oder irgend welche ernste Dich-tungen nach ihren verschiedenen theatralischen Schicksalen zu beurteilen. Aberauch die liebevollste Nachempfindung des wahrhaft Poetischen, wahrhaft Leben-digen in Heyses Dramen, kann sich dem Eindrucke nicht entziehen, daß der Poetnicht in allen Fällen aus jener inneren Notwendigkeit heraus oder mit jenerfrischen Unmittelbarkeit geschaffen hat, welche seinem .Hadrian' und seinem.Hans Lange' einen bleibenden Platz in der Litteratur verheißen.
Zu Heyse in einem gewissen Bezug standen und stehen ein jüngerer undein älterer Dichter des Münchener Kreises. Adolf Wilbrandt aus Rostock(geb. 1837) bewährte in dramatischen Dichtungen, Romanen und Novellen einelebendige Phantasie, sinnliche Ausdruckskraft und in den kleineren Produktionenjenen künstlerischen Feinsinn, der das gemeinsame Kennzeichen der Münchenerwar. In Wilbrandts lyrischen Gedichten und Novellen pulst eigenes Leben,als Dramatiker dichtete er eine Reihe von Trauerspielen und Schauspielen,von denen .Kriemhild' einen Stoff der deutschen Sage, .Der Graf von Ham-merstein' einen gleichfalls an die Volkssage anklingenden und derselben mannig-fach verwandten Stoff für die Bühne zu gestalten strebte. Drei Tragödieenmit dem Hintergründe römischer Geschichte: .Gaius Gracchus, der Volkstribun',.Arria und Messalina' und .Nero' entsprangen einer Zeitstimmung, welchein den wilden Parteikämpfen der letzten Tage der römischen Republik, sowiein den ungeheuerlichen Sittenzuständen der römischen Kaiserzeit ein Leben er-blickt, das mit dem der Gegenwart nur allzuviel Verwandtschaft ausweist. Unterden Lustspielen Wilbrandts zeichnen sich .Die Maler' durch lebendige Frischeund einen glücklichen Humor aus, welche in einigen anderen Lustspielen leidernicht in gleichen: Maße wiederkehren.