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Adolf Mlbrandt. Adolf Friedrich von ^chack. kfermann Lingg.
Aus einer reichen, vielseitig angeregten Phantasie, einer lebendigen Nach-empfindung großer poetischer Muster und der selten gewordenen Hingabe anden Zauber der poetischen Form erwuchsen die epischen und dramatischen Ge-dichte des Grasen Adols Friedrich von Schack aus Brusewitz bei Schwerin(geb. 1815), der sich, nach bewegten, eindrucksreichen Wanderjahren in Ost undWest, dauernd in München niedergelassen und den Münchener Dichtern an-geschlossen hatte. Schacks poetische Erzählungen, seine größeren epischenDichtungen, seine Tragödien und politisch-satirischen Komödien bekunden einenidealen Sinn und einen hohen Grad der Kunstbildung, aber es sehlt ihnenjene Wärme und Stärke des eigenen Lebens, durch welche der ergriffene Stofferst völlig zum Eigentum des Dichters, zum Spiegel seiner inneren Welt wird.Auch der objektivste Poet kann dieses inneren Umschmelzungsprozesses nicht ent-raten und in seinen gediegensten Dichtungen: einzelnen poetischen Erzählungen,dem Romane in Versen: .Durch alle Wetter', in der größeren poetischen Er-zählung aus Althellas: .Die Plejaden', läßt ihn der Dichter auch nicht ver-missen. Aber die Beweglichkeit seiner Phantasie, die Befreundung mit Dichterndes Auslandes, deren einige er als poetischer und geschmackvoller Übersetzer spanischerTramen und vor allem als Übersetzer des großen Epos des Persers Firdusifür die deutsche Litteratur gewonnen hat, eine überwiegende Vers- und Sprach-virtuosität (die freilich höchst vorteilhaft gegen die schlottrige Unkuust der zeit-gemäßen Prosaisten absticht) bewirken, daß die Subjektivität des Dichters ausseinen Erfindungen nicht entschieden genug herausleuchtet. Es genügt nicht, daßder Dichter die Welt sehe und erkenne, er muß seine Hörer und Leser zwingenkönnen, mit seinen — des Dichters — Augen die Welt zu sehen. Die großeDichtung Schacks .Nächte des Orients' ist ohne Frage ein gehalt- und gedan-kenreiches Werk, dem gleichsam nur jenes letzte Etwas fehlt, durch welchesTante oder Milton ihr inneres Erleben, ihre eigene Seele in die Seelen über-leiten, welche ihnen überhaupt zu lauschen vermögen. Von den Tragödien Schackshaben .Die Pisaner' und .Timandra' den stärksten dramatischen Zug, aber auchihnen gebricht das Element, durch welches poetische Gestalten uns so vertrautwerden, als Menschen, mit denen wir gelebt und gelitten haben.
Unter den wenigen Bayern, welche sich der Münchener Poetengruppe an-schlössen, ragte nach Ursprünglichkeit der Begabung und Größe des StrebensHermann Lingg aus Lindau (geb. 1820) hervor. Von Emanuel Geibelgleichsam entdeckt und in die Litteratur eingeführt, nachdem er lange in ein-samer Zurückgezogenheit seinen poetischen Arbeiten gelebt, erregte Lingg dieTeilnahme kleiner kunstsinniger Kreise durch sein umfangreiches episches Gedicht.Die Völkerwanderung'. Gewiß war es ein großer Gedanke, aus den un-geheuren Ereignissen der großen Weltumwälzung zu schöpfen, in der das Alter-tum versank, und der das Mittelalter entstieg. Der Dichter vermochte anpoetische Traditionen aller Art anzuknüpfen und doch ein Eigenes zu geben,wenn es ihm gelang, eine Handlung zu erfinden und auszugestalten, welche dasWesen des mächtigen weltgeschichtlichen Vorganges in sich zusammenfaßte,
Wilmar. National-Liiteratur. Anhang. 9