130
Die deutsche Litteratur nach I,8»S.
tausend andere Handlungen des Jahrhunderts der Zerstörung spiegelnd. Linggentschloß sich statt dessen zu einer Art von Reimchronik, welche am Faden derGeschichte die vereinzelten Bilder aufreiht, die ihm bei Lesung aller Kundenvon der Völkerwanderung aufstiegen. Die Heldin des Gedichtes ist die sinkende,erliegende Roma, deren gewaltiges Bild wieder und wieder aus den Wogen derVölkerflut auftaucht, das Antlitz immer todesschmerzlicher. Der Gesamteindruckaber, den das Gedicht unter diesen Umständen hinterläßt, ist der einer erhabenenVision, nicht mehr einer epischen Handlung. Und während in den guten, imVollgefühl des ersten kühnen Wurfes geschaffenen Partieen der VölkerwanderungLingg die sinnliche Bildkraft des echten Dichters, dem alles Anschauung nndGestalt wird, meist in hinreißender Weise an den Tag legt*), hinterlassen nament-lich die späteren Gesänge oft den Eindruck des Gequälten und Gemachten, jastellenweis der gereimten Prosa, was nicht ausbleiben kann, wenn der Dichterso ungeheuere Stoffmassen und ein ganzes Jahrhundert der Weltgeschichte inPoesie zu wandeln unternimmt. — Auch in den kleineren Gedichten Linggswaltet eine Phantasie, welche hauptsächlich von der Geschichte angeregt wird.Um die Bilder und Gestalten, welche seine Träume erfüllten, poetisch festzu-halten , schlägt Lingg bald den volkstümlich balladenhaften Ton (wie in,Der schwarze Tod', .Lepanto' und anderen Gedichten), bald den pathetisch rhe-torischen an, drängt er oft wunderbar in wenigen Zeilen eine große An-schauung zusammen oder enthüllt den verborgenen poetischen Kern eines Vor-ganges. Als Lyriker neigt er zu einer gewissen schmerzlichen Resignation, dieüberall da eintritt, wo das Leid und Weh des Daseins nicht durch gläubigeZuversicht gestillt wird. Im ganzen ist unverkennbar, daß die ursprünglicheBegabung Linggs durch einen gewissen Eklekticismus der Kunstbildung, dieVorliebe für fremdartige Stoffe und gelegentlich durch jene Art der Betrachtungbegrenzt wird, die nicht rein in Bild und Stimmung aufgeht. Der Zug seinerNatur oder vielmehr seiner Bildung zu den angedeuteten Stoffen macht sichauch in seinen dramatischen und novellistischen Versuchen, den Dramen ,Die
*) Eine gute Probe der poetischen Bildkrast Linggs giebt die Verkörperung des Hungers
in dem Gesänge .Die Goten an der Donau':Und wandernd einst durch jene weiten StreckenErschien beim Lager des Nomadenstamms,Gefolgt von Mäusen, Raupen und Heuschrecken,Ein großer Hirt in einem grauen Wams.
Er hatte nichts, den hagern Leib zu decken,Als um sich her die Felle eines Lamms,
Die Mäus' und Raupen trieb er, immer suchendUnd drängend, geißelnd vor sich her und fluchend.In seinen hohlen Blicken lag ein tieferUnd ekelhafter Gram, ein grauer BartHing lang und wirr vom abgedorrten Kiefer;Um seine Schultern hing nach Jägerart
Ein Tierfell, doch zerfetzt, voll UngezieferUnd wie sein Scheitel grau und dünn behaart;Um seine Lenden bei der LedertascheHing, wie bei Pilgern, eine Kürbisslasche.
Indem er Dorne zog aus seinen Füßen,
Und seine Herde rings die Flur zerfraß,Sprach er zum Volk umher: „Ich soll euchgrüßen,
Ich bin der Hunger, habt mich!" und er saßVor ihre Zelte hin. —