135
Wilhelm Jenson. Joseph Viktor Scheffel.
mistifchen Modebelletristen hinreichend geschützt ist. Kein Zweifel, daß schon einefolgende Generation starke Sichtungen der künstlerisch ausgestalteten Werke desPoeten von jenen vornehmen wird, in denen die wilde Rastlosigkeit der Phan-tasie den Gesamteindruck zerstört, oder bei denen das Zeichen für die Sache gesetztwird, kein Zweifel aber auch, daß selbst dann einige der Dichtungen, Erzählun-gen und Romane Jensens leben und gelten werden.
Unter den erfolgreichsten Dichtern der jüngsten Litteraturperiode nimmtnach Eigenart der Begabung, Selbständigkeit der Empfindung und AnschauungJoseph Viktor Scheffel aus Karlsruhe ( 1826 — 1886 ) einen hervorragendenRang ein. Seine Erscheinung verdeutlicht den starken Einfluß, welchen die mo-dernen wissenschaftlichen Bestrebungen mit ihren überreichen Resultaten aus diepoetische Litteratur auszuüben vermögen. Von Haus aus ein Lyriker voll lie-benswürdiger Naivität, voll feinen Natursinnes, ein phantasievoller Poet, dersich die Natur, durch welche er hindurchschritt, mit Gestalten bevölkerte, warScheffel doch zugleich ein Mann der Wissenschaft, den es reizt, die Fülle seinerKenntnisse poetisch einzukleiden, den Ton vergangener Zeiten und Dichter zutreffen und den natürlichen Humor, der ihm reicher quillt, als anderen Dich-tern der Gegenwart, durch tausendfache Beziehungen und Anspielungen zuwürzen. Namentlich in den studentischen heiteren Liedern seines stlancktzninus'lag Veranlassung genug vor, die naturwissenschaftliche, historische und philolo-gische Arbeit der Zeit parodistisch und fröhlich ironisch in das Trinklied undden gesellschaftlichen Scherz hereinzuziehen. Das komische Pathos vieler dieserLieder entsprach durchaus der Stimmung einer übermütigen Jugend, welche dieBestrebungen, denen ihr Leben gewidmet ist, gelegentlich in der Beleuchtung desSpottes und des Schwankes erblicken mag und sich selbst parodiert, um andereparodieren zu dürfen. Indem also hier der Versuch gemacht wird, die massen-haften und spröden Elemente der modernen wissenschaftlichen Bildung durchHumor für die Poesie brauchbar und flüssig zu machen, sprudelt wenigstens einfrischer Quell über sie hin, der die schweren fortträgt, wenn er sie auch nichtlöst. — Als ein Dichter, der aus dem Vollen gestaltet, den echt epischen Tonin Scherz und Ernst trifft, bewährt sich Scheffel schon in ein paar kleinen er-zählenden Dichtungen des .OauckoaiunZ', vor allem aber in seinen beiden Haupt-werken: der epischen Dichtung ,Der Trompeter von Säkkingen' und dem histo-rischen Romane Mkehard'. In beiden verleugnet der Dichter den Reichtumseiner historisch-philologischen Bildung nicht, aber in der einen wie in deranderen walten die ursprüngliche unmittelbare Lust an Leben und Darstellungdes Lebens, überwiegt eine echt poetische Hingabe an die einfachen Grundmotiveder Handlung und ein erfrischender lyrischer Hauch, wie er nur aus den Tiefeneiner wahren Dichterseele weht. .Der Trompeter von Säkkingen' ist einStück Leben, dem die übermütige Jugendlaune des Dichters das Kostüm derBarockzeit übergeworfen hat und welches dennoch wie eine Schöpfung gesunderRomantik wirkt. Der Phantasiereichtum, die Gemütstiese und der fröhlicheHumor Scheffels paaren sich mit Wohlgefallen auf dem Hintergründe des sieb-