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Die deutsche Litteratur nach ;s^8.
zehnten Jahrhunderts. Hier giebt es keinen anderen, als den rein poetischenZweck, alles, was arabeskenartig-phantastisch um das frische, echt epische Haupt-bild spielt, erhöht lediglich den Reiz der Originalität. „Wesentlich anders stellensich die Dinge in Scheffels größter Dichtung, dem historischen Romane Mke-hard', dar, einer Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert, welche in den Gauenam Bodensee, namentlich auf der Burg Hohentwiel und in den Klöstern vonSt. Gallen und Reichenau, spielt, und in welcher es der Dichter versucht underreicht, die Resultate seiner gelehrten Studien über die Vergangenheit dieserLandschaften in anschauliches, fesselndes Leben zu verwandeln. Die Schicksale,die der poetische Mönch Ekkehard, au welchem die Herzogin Hadwig in Schwa-ben, die Witwe Herzog Burkhards, bei einem Besuch von St. Gallen ein plötz-liches Wohlgefallen gefunden, auf dem Hoheutwiel erlebt, wohin er als Lehrerdes Lateinischen für die jugendliche Herzogin mit einer Handschrift des Virgiliusberufen worden ist, bilden den roten Faden der trefflich erfundenen Geschichte,die ihrer Natur nach einen dramatischen oder einen Romanschluß im eigentlichenSinne nicht haben kann. Der jugendliche Mönch, in welchem die priesterlicheReinheit und die Begeisterung der Jugendzeit des Glaubens dicht neben denWallungen einer noch ungeprüsten Natur und den weltlichen Regungen einesoffenen Poetensinnes liegen, gerät der erhabenen Herrin gegenüber, deren Stu-dien er leitet, bald in immer stärkere Versuchungen. Aus dem Lehrer wandelter sich in den Berater, den Freund, in den geschickten Diener, bei wachsenderKriegsgefahr in einen schlachttüchtigen Kämpfer beim Überzug der Hunnen, unddas Gerücht leiht ihm schon längst eine vertraute Stellung zur jungen Her-zogin, ehe er selbst der Versuchung eines, des unrechten, Augenblickes unter-liegt. Wenige Tage zuvor noch würde ihm die Herzogin viel und alles ge-währt haben; nachdem er selbst mit der letzten Kraft des Pflichtgefühles denBrand in ihrer Seele gelöscht, schlägt die Flamme in der seinen empor. Vonden ihn umlauernden Feinden in diesem Augenblicke überrascht, von der Her-zogin verlassen und aufgegeben, entflieht er mit der Hilfe der vertrauten Kam-merfrau der Herzogin, der Griechin Praxedis, aus dem Kerker des Hohentwielund findet Unterkunft auf der Ebenalp am hohen Säntis, wo er im Wildkirch-lein der Vergpfaffe der rauhen Sennen wird, in der großartigen Einsamkeitgesundet, und, um sich an einem tüchtigen Werk zu kräftigen, das Abenteuervon Walter und Hildgund dichtet. Danach nimmt er Abschied von der Eben-alp und wandert, sein Kloster und alle Schauplätze seiner jüngsten Erlebnissehinter sich lassend, gen Norden, der Herzogin Hadwig sendet er als letzten Grußmit einem Pfeilschuß die Handschrift des Waltariliedes in ihren Burggarten.
Diese einfachen Grundzüge der Handlung sind durch eine poetisch seltenreiche Detaillierung in Fluß gebracht und belebt, und obwohl sich der Poet,namentlich als Humorist, nicht versagt, zwischen seine Handlung dreinzusprechen,so hinterläßt doch der Roman durchaus den Eindruck eines geschlossenen Kunst-werkes. Der Zweck, die schöne Landschaft im Hegau und am Bodensee in dendenkwürdigen Anfängen ihrer Kultur- darzustellen und die Schattengestalten,