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Die deutsche Nationallitteratur vom Tode Goethes bis zur Gegenwart / Adolf Stern
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Die deutsche Litteratur nach ;8^8.

Instinkt dafür bewährte, was uns in .Novellen aus alter Zeit' noch wahrhaftfesseln und erfreuen kann.

Eine Natur, welche durch die Richtung ihrer Phantasie, die Neigung, sichan die sagenhaften und schwankhaften Überlieferungen älterer Zeit anzulehnen,sich gelegentlich in die Tracht des fahrenden Schülers und Spielmannes zuhüllen, den ebengenannten Poeten nahe steht, übrigens in ihrer Frische, Leich-tigkeit, in dem echt volkstümlichen Ton ihrer lyrischen Gedichte und Erzählungendurchaus auf eigenen Füßen steht, bewährt Rudolf Baumbach aus Kranich-feld in Thüringen (geb. 1841), dessen .Lieder eines fahrenden Gesellen' und.Spielmannslieder' oft in der glücklichsten Weise den Übermut, die Wander-und Schenkenlust alter Lieder erneuern, ohne diese Lieder selbst ängstlich nach-zuahmen. Auch in seinen .Schwülsten' und .Sommermärchen' entfaltet Baum-bach ein Allgemeines Talent der lebendigen Wiedergabe vergessener, aber immerwirksamer, volkstümlicher Überlieferungen, mit der er eigene Erfindung so ge-schickt mischt, daß der Übergang aus einem ins andere nicht sichtbar ist und diealten Schwülste, Schelmenstücke und Märchen ihm völlig zu eigen werden.Einen ernsteren, poetisch nicht minder reizvollen Ton schlägt er in dem präch-tigen kleinen erzählenden Gedichte .Frau Holde' an, das als ein frisches und an-spruchsloses Phantasiestück aus der thüringischen Heimat des Dichters sicherseinen Platz unter den bleibenden Schöpfungen unserer Tage weit eher er-halten wird, als ganze Reihen von erkünstelten Werken, ohne wahrhafte Lebens-wärme.

In dem Maße, in welchem sich ein so frisches Talent wie Baumbach, trotzeinzelner mittelalterlicher Äußerlichkeiten, von der archäologischen Poesie entferntnähert sich Robert Hamerling aus Kirchberg am Wald in Niederösterreich(geb. 1832) derselben. Die frühesten Dichtungen dieses phantasievollen undschwungreichen Poeten verrieten bereits eine national-österreichische Hinneigungzu glänzenden Beschreibungen, leuchtendem Kolorit; eine lodernde, die erstenEindrücke und Traumvorstellungen wiedergebende, von Bild zu Bild eilendePhantasie überwog die Gemüts- wie die eigentliche Gestaltungskraft. Jugend-lich und von den späteren Mängeln des Poeten verhältnismäßig noch freizeigte sich das in stolzen Rhythmen dahin wogende .Schwanenlied der Ro-mantik', in welchem er, Deutschlands gedenkend, elegisch erhabene Klänge trifft*).Auch unter seinen kleineren lyrischen Gedichten finden sich einige, in

Ist dieser Zeiten Zwielicht MorgendämmerungMit einem neuen Tage schwanger, der herrlich und jungÜber den harrenden Völkern beginne den stolze» Lauf:

Er gehe dir, o Heimat, er gehe dir am ersten auf.

Und kommt er als Bote des Dunkels und bricht die Nacht herein:Auf deinen Bergen säume des letzten Tages Schein;

Die letzte aller Blumen, sie blühe auf deinem Ried,

In deinen Hainen flöte die Nachtigall ihr letztes Lied.