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Letzte Gänge / von Johannes Scherr
Entstehung
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Im Hörsaal.

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Frevellust oben, dumpfe Philisterei in der Mitte,Roheit, Unwissenheit, Aberglaube und Armut unten.Kein anmutiges Bild fürwahr. Und doch werden Sie,wenn Sie dieses Bild mit dem vergleichen, welchesein Kulturgemälde des 15. und 16. Jahrhundertsdarbietet, im ganzen und großen einen höchst bedeu-tenden Vorschritt entdecken. Aber wohlverstanden!nur einen materiellen und intellektuellen Vor-schritt, nicht einen moralischen. Und zwar warumnicht auch einen solchen? Darum nicht, weil es mitdem sittlichen Vorschritt der Menschheit eine ganzeigene Sache ist, d. h. wenn man näher und ganzunbefangen zusieht, so erkennt man, daß die Summedes unserer armen menschlichen Natur angearteten,eingeborenen, innewohnenden Guten und Bösen imGrunde immer und überall die gleiche bleibt. Ichmöchte den sehen, der mir beweisen könnte, daß imganzen und großen die moderne Gesellschaft sittlichhöher stände als die antike. Jede Zeit hat ihr Maßvon Tugenden und von Lastern. Die Formen dieserTugenden und Laster wechseln, das Wesen bleibt.Jedes Stadium der Zivilisation begünstigt undfördert gewisse Anlagen, Stimmungen, Neigungen,politische und soziale Anschauungen und Richtungenund stellt dagegen andere hintan oder verhindert undvertilgt sie wohl auch gänzlich." Nur ganz Unwissendekönnen leugnen wollen, daß unsere moderne Kultur