Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

Die letzten Ausläufer der ÜSergangsdichtung.

71

Förderung an den ältern die Akademie erfüllenden Koryphäen.So klar es für die Urteilsfähigen war, daß die von Möllere undBoileau ausgehende und geführte Bewegung die siegende feinwerde, so waren am Eingang der zweiten Hälfte des 17. Jahr-hunderts die Urteilsfähigen in Frankreich nicht weniger in derMinorität als in andern Ländern und Zeiten. Und so fehlte esweder den Überlebenden der ältern Schule, noch ihren unbedeu-tenden Nachfahren an einem teilnehmenden bewundernden Publi-kum. Nicht nur Madeleine de Scudery, sondern auch AbbeCotin und der jüngere Colletet hatten am Hof wie in der Stadtzahlreiche Verehrer, und weit über Molieres, ja über RacinesTod hinaus gab es Kreise, in denen man an dem festhielt, wasin den Tagen Richelieus und der Marquise von Rambouilletals beste Poesie gegolten hatte. Selbst der Streit, den Boileaumit Perrault ausseihten mußte, und dessen später zu gedenkenfein wird, erwuchs im Grunde aus der Fortwirkung jenerAnschauungen, deren Herrschaft seit Mitte des Jahrhundertsgebrochen, deren Existenz aber mit den Erinnerungen, Anlagenund Geistesbildungen von Tausenden verknüpft war.

Die Lyrik im Sinn und Stil des Hotel Rambouillet ver-trat der Abbe Charles Cotiu, geboren 1604 zu Paris, inspätern Jahren Almosenier des Königs und als solcher 1682gestorben. Cotin hatte zwar bereits in den dreißiger und vierzigerJahren, in der Glanzzeit des Hotel Rambouillet, seine poetischenErstlingswerke erscheinen lassen, aber seine Produktion entfaltetesich gerade in jenen letzten fünfziger und ersten sechziger Jahrenbesonders reich, in welchen die alten Häupter der Poetenschule,der er angehörte, müd zu werden begannen. Da der Abbe nichtbloß ein fruchtbarer Versmacher, sondern auch ein eifriger ge-sellschaftlicher und kritischer Parteigänger seiner Freunde war,so ward er von Moliere und Boileau als Repräsentant der talent-losen Mittelmäßigkeit und des preziösen Ungeschmacks darge-stellt, als Trissotin (Triootin) in den „Gelehrten Frauen" un-barmherzig verspottet, wie er auf Wegen und Stegen mitSonetten und Epigrammen niederkommt und im Kreis abge-schmackter Blaustrümpfe Huldigungen erntet, von Boileau aberschlechthin als geistiger Tropf behandelt. Cotin versuchte sichzu wehren und in einer besondern Broschüre die ganze Zeitrichtungauf die Satire zu bekämpfen, konnte aber natürlich die Lachernicht auf seine Seite bringen. Seine Gedichte „Vermischte