Hundertunddrittes Kapitel.
Boileau und die Doktrin des Klassizismus.
Die Bewegung der französischen Litteratur zur Klarheit undKorrektheit, zu der besondern Art Würde und Anmut, welcheden besten Geistern des 17. Jahrhunderts als Ideal vorschwebte,war durch die stärksten und ablenkendsten Einwirkungen deritalienischen und namentlich der spanischen Litteratur so wenigaufgehalten worden, als der Zug der französischen Nation zurStaatseinheit und einer nahezu allmächtigen königlichen Regie-rung. Und wie die Fronde ein letzter, von vornherein ohnmäch-tiger Versuch gewesen war, an Stelle des geordneten Polizei-und Militärstaats die feudale Anarchie zu fetzen, so erwiesensich auch alle unregelmäßigen und phantastischen litterarischenSchöpsungen, selbst wenn sie den stärksten Beifall fanden, nur alsvorübergehende Hemmungen des Strebens, das in Malherbe,Corneille und Balzac am bestimmtesten hervorgetreten war.Die Anzeichen, daß dies Streben jeden Widerstand besiegenwerde, mehrten sich während der ersten selbständigen Regierungs-jahre König Ludwigs XIV. Die jüngern neuauftretenden Ta-lente fanden es freilich nicht leicht, das persönliche Mißwollenund den eifersüchtigen Widerstand der ältern, in der Akademiewie in der Gesellschaft noch mächtigen Autorengruppe zu be-siegen. Aber ihre Zuversicht wuchs, weil sich der gebildetere Teildes Publikums, namentlich deS Publikums von Paris, mehr undmehr auf ihre Seite zu stellen begann, weil der junge König, derdas politische Erbe Richelieus und Mazarins übernommen, inseinem Geschmack und seinen litterarischen Neigungen durchausauf die Seite der jüngern trat. Die Zeit war gekommen, in derein poetisch-theoretischer Gesetzgeber des spezifischen Klassizismuserscheinen und zwischen den Talenten, welche noch immer dieNeigungen und den Geschmack der ersten Jahrzehnte des Jahr-
Stern, Geschichte der neuern Litteratur. IV. 6