Band 
Vierter Band
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Hundcrtundfüiiftes Kapitel.

Zean Racine und die Tragödie.

Die Komödie, wie sie Mokiere schuf und eine Reihe von Nach-ahmern und Nachfolgern glücklich fortsetzte, blieb ebenso diepopulärste und erfolgreichste poetische Gattung, wie sie die leben-digste und vielseitigste war. Als die vornehmste Kunstgattungaber galt, weniger infolge der ästhetischen Anschauungen, welcheBoileau vertreten, als im Zusammenhang mit der Majestät undder pomphaften Würde des Königtums, die Tragödie, der in ebenden Jahren, in welchen Moliere seine Hauptwerke dichtete, inRacine ein berufener Vertreter entstand. Die Vorliebe, welcheder große König in einem gewissen Zeitraum für die Trauer-spiele Racines an den Tag legte, war insofern wohl begründet,als die Schöpfungen dieses Dichters recht eigentlich der Ausdruckder Anschauungen und Ansprüche, welche sich mit dem unum-schränkten Königtum verbanden, der Ideale des Königs selbstwaren. Die feierliche Haltung, der Stil dieser Schöpfungenfiel für die Würdigung derselben weit stärker ins Gewicht, alsdas wahre poetische Talent, die lyrische Grundstimmung Racines.Schon Corneilles heroische Dramen hatten die Auffassung, daßdie Tragödie die Dichtung der Könige („die Schule der Königeund der Völker") sei, wesentlich gefördert, jetzt ward dieselbeherrschend. Zwischen dem mächtig gewachsenen königlichenSelbstgefühl und dem Streben der Dichter nach Hoheit undWürde fand eine sichtbare Wechselwirkung statt, welche dieWeiterentwickelung der französischen Tragödie bestimmte. DieVoraussetzung dieser klassischen „MaZäckis" war der Konflikt dernatürlichen Leidenschaften mit den konventionellen, von der Stel-lung (der „Würde" und „Ehre") der handelnden Personen vor-geschriebenen Empfindungen. Die an sich richtige Anschauung,daß die natürlichen Leidenschaften in Lebenskreisen, die über