Ieun Racine und die Tragödie.
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der gemeinen Welt und über dem Gesetz stünden, sich in beson-derer Stärke und Furchtbarkeit entwickeln müßten, der Respektvor den tragischen Helden, der durch weit zurückliegende Zeitenoder weit entfernte Schauplätze der tragischen Handlung geför-dert ward („Die Menge macht wenig Unterschied zwischen dem,was tausend Jahre und dem, was tausend Meilen von ihr ent-fernt liegt", Racine in der Vorrede zu „Bajazet"), schlössen zu-gleich den ganzen Respekt, die ehrfurchtsvolle Scheu ein, welchedas Königtum auf der Höhe seiner Macht und seines Glanzes her-vorrief. Die Mitwirkung der höfischen Gesinnung und höfischenSitte erstreckten sich bis aus die Äußerlichkeiten der Anordnungund des Vortrags der klassischen Tragödie. Ganz richtig hebtLotheißen hervor: „die Tragödien Racines mit ihrer Leidenschaftund psychologischen Feinheit, ihrer Eleganz und den gleich Musikdahinströmenden Versen, paßten wunderbar zu dem Hof deskriegerischen, galanten und Prachtliebenden Fürsten. Man denkesich eine solche Aufführung nicht im gewöhnlichen Theater, son-dern im Park zu Versailles, im Grünen, wo die Helden Griechen-lands auf einer idealen Bühne zwischen Orangebüumen und sil-bernen Girondisten in einen: Meer von Licht sich bewegten, Hel-den einer konventionellen Welt, der aber weder Schönheit nochGröße mangelten, und man wird die Dichtungen Racines erstin Wahrheit völlig verstehen." (Lotheißen, „Mokiere", S. 229).
Jean Racine, geboren am 21. Dezember 1639 zu Laferte-Milon, hatte das Mißgeschick, sehr früh Mutter und Vater zuverlieren, ward zuerst bei seinen Großeltern erzogen und be-suchte dann die Schulen von Port Royal. Seine Großmutterund eine Tante, Agnes Racine, waren in das eigentliche Cister-cienserinnenkloster eingetreten, er selbst ward von Claude Lancelotund andern Mitgliedern jener jansenistischen Kongregation un-terrichtet, welche vom Geiste St. Cyrans und Pascals belebtwurde. Der Jüngling, welcher sich namentlich durch eifrigesStudium des Griechischen auszeichnete, empfing neben aus-gezeichnetem Unterricht tiefe religiöse Eindrücke und die Richtungauf jenen fast düstern Ernst, durch welchen Port Royal sich in derMitte einer leichtfertig genießenden Welt auszeichnete. Aber dieWirkung dieser Erziehung ward in Frage gestellt, als Racine 1659nach Paris übersiedelte, um im College Harcourt Philosophie zustudieren. Standen auch seine neuen Lehrer vielfach in geistigerVerbindung mit den Männern von Port Royal, so emanzipierte