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Hirndertundfünste- Kapitel.
die Rettung und Erhebung des jungen Königs Ions durch denHohenpriester Jojada und die Tempeldiener berichtet. Hierwar mehr Gelegenheit als in Esther zu einer stark bewegten dra-matischen Handlung geboten, „Athalia" ward die gestalten-reichste aller Tragödien Racines und steht an dramatischerSpannung, an psychologischer Tiefe der Charakteristik hinterden Meisterwerken der ersten Periode nicht viel zurück, währendsie dieselben in bezug auf feierliche Pracht und edle Getragenheitder Diktion hinter sich läßt. Auch die „Athalia" ward mitChören ausgestattet und damit der Eindruck des weihevoll Er-habenen verstärkt, welchen der Dichter als letzten und höchstenseiner tragischen Kunst erstrebte.
Racines Kunst hatte den alternden Corneille besiegt; vor sei-nem weitstrahlenden Ruhm verblich derjenige mit ihm ringenderZeitgenossen, und erst nach seinem Abscheiden gelang es einzelnenunter den zahlreichen Nachfolgern Racines, wenigstens mit einemund dem andern Werk entscheidende Erfolge zu erringen. Derbedeutendste Rivale war Philippe Quinault, geboren am3. Juni 1635 zu Paris, gestorben als Mitglied der französischenAkademie und Auditeur des Comptes am 26. November 1688ebendaselbst. Und gerade er wurde durch die Triumphe Racinesbestimmt, sich vom Gebiet der Tragödie im engern Sinn aufdasjenige des musikalischen Dramas zurückzuziehen und Frank-reichs erster und bedeutendster Operndichter zu werden. Qui-nault begann seine dramatische Laufbahn noch unter den Nach-wirkungen der Dichter des Hotel Rambouillet, und seine Jugend-lustspiele waren nach spanischen Borbildern gearbeitet, währender später von Mokiere lernte und mit dem Lustspiel „Die ko-kette Mutter" („lig, mors vogustts", 1675) die französischeBühne um ein vortreffliches Stück bereicherte. Seine Tragödien,deren früheste „Der Tod des Cyrus" („Us, mort äs LJrus";erster Druck, Paris 1656), „Stratonice" (1660), „Agrippa"roiä'L.lbs", 1661), „Astrate"(1663), traten erfolg-reich gegen Corneilles spätere Werke in die Schranken und hobensich von diesen durch eine größere Innerlichkeit und Weichheitder Empfindung ab. Da aber Racine jeden Vorzug, den Qui-nault für sich in Anspruch nehmen konnte, eben auch besaß undeine ungleich größere Kraft, strengere Selbstzucht und Kunst-auffassung in die Wagschale zu legen hatte, so überragte seineGeltung bald diejenige Quinaults, und Boileau entblödete sich